Wissenschaftliche Zahlen und Daten zu Essstörungen
Essstörungen sind die Spitze des Eisbergs eines somato-psycho-sozialen Phänomens westlicher Industrieländer: Sie entstehen dort, wo individuelle Prädisposition, Traumatisierungen in der Lebensgeschichte und weibliches Geschlecht mit Körperkult, Schlankheitswahn, Machbarkeitswahn und Überfluss zusammentreffen.
Weit verbreiteter als das klinische Vollbild einer Essstörung sind demnach Unzufriedenheit mit dem Körper, jahrelange Kämpfe mit dem Körpergewicht, wiederholte Diäten und problematische Essverhaltensweisen.
| Unzufriedenheit mit dem Körper(gewicht) und Diäten |
|
| |
Je „entwickelter“ ein Land ist, desto größer ist die Schere zwischen Idealgewicht und Realgewicht und umso unzufriedener sind vor allem Frauen mit ihrem Körpergewicht. Kaum eine Frau in Österreich hat noch keine Diät gemacht. Diäten wiederum stehen häufig am Anfang einer Essstörung. 82% derjenigen, die mindestens drei Diäten gemacht haben, berichten von Essproblemen (12).
In Westeuropa soll fast jedes zweite Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren zumindest eine Diät gemacht haben (9). Eine Untersuchung an Wiener Schülerinnen kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 52,4% der 14- bis 17-jährigen Mädchen und 15,2% der Burschen haben bereits eine Diät gemacht (2). Einer Diät geht meist das Gefühl „zu dick zu sein“ voraus: In Westeuropa fühlen sich ca. 40% der unter- bis normalgewichtigen(!) Mädchen und jungen Frauen zwischen 11 und 19 Jahren „zu dick“ (16). In Wien sind 90% der Mädchen und 80% der Frauen mit ihren Körperproportionen unzufrieden (5). |
| |
| Wer ist von Essstörungen betroffen? |
 |
| |
Anorexie und Bulimie
Von diesen Essstörungen sind hauptsächlich Mädchen und Frauen betroffen, nur 1 bis 10% sind männlich (9, 10, 19). Allerdings lässt sich in den letzten Jahren eine zunehmende öffentliche Sensibilisierung für Essstörungen bei Männern beobachten. Wie sich der Körperkult bei Männern auf Störungen im Verhältnis zu ihrem Körper und die Entwicklung von Essstörungen auswirkt, wird noch zu untersuchen sein, um darüber präzise Aussagen machen zu können. Fest steht jedenfalls, dass Männer im Gegensatz zu Frauen häufiger von Anorexie als von Bulimie betroffen sind (4).
Das höchste Erkrankungsrisiko haben Mädchen und junge Frauen – bei Erstauftreten einer Anorexie sind die Betroffenen in der Regel jünger als bei Erstauftreten einer Bulimie. Die in der Literatur angegebenen Altersbereiche mit gehäuften Erkrankungsfällen variieren und liegen bei Anorexie zwischen 12 und 23 Jahren, bei Bulimie zwischen 18 und 35 Jahren (9, 17).
Darüber hinaus finden sich Essstörungen gehäuft bei Sportlerinnen und Sportlern, Tänzerinnen und Tänzern, Gymnasiastinnen, Studentinnen sowie Patientinnen mit Diabetes mellitus (9, 13).
Binge Eating Disorder
Im Gegensatz zu Anorexie und Bulimie handelt es sich bei diesem Störungsbild um keine spezifische Frauenerkrankung bzw. Erkrankung junger Menschen: Das Geschlechterverhältnis beträgt 50:50 (19). Der erste Essanfall soll mit durchschnittlich 12 Jahren auftreten (3, 11), weitere hohe Erstmanifestationsraten finden sich zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr sowie zwischen dem 45. und 54. Lebensjahr (11). Jeder zweite Betroffene ist übergewichtig bzw. adipös (3, 11). |
| |
| Wie viele Menschen sind von Essstörungen betroffen? |
 |
| |
Anorexie
Lebenszeitprävalenz: Im Laufe ihres Lebens erkranken ca. 0,1% aller Frauen an einer Anorexie (9).
Punktprävalenz: Untersucht man Mädchen und junge Frauen zu einem bestimmten Zeitpunkt auf das Vorliegen einer Anorexie, hängen die Untersuchungsergebnisse von unterschiedlichen Faktoren wie Stichprobe und Untersuchungsmethode ab. Repräsentative epidemiologische Studien zur Häufigkeit von Anorexie in Österreich liegen nicht vor. Die Angaben schwanken zwischen 0,3 und 3,7% bei Mädchen und jungen Frauen (4, 9). Neuere Daten sprechen von 0,5% bei jungen Frauen (12-28 Jahre) mit einem Gipfel bei 15 Jahren (19).
Bulimie
Auch hinsichtlich der Häufigkeit von Bulimie fehlen repräsentative epidemiologische Daten für Österreich. Die Prävalenz wird in der Literatur mit 1 bis 4,2% bei jungen Frauen (15-28 Jahre) mit einem Gipfel bei18 Jahren angegeben (4, 19).
Binge Eating Disorder
Die Binge Eating Disorder dürfte häufiger vorkommen als Anorexie oder Bulimie (11). Im Laufe ihres Lebens erkranken geschätzte 2,6% [aller Menschen an einer Binge Eating Disorder (3).
Zu einem bestimmten Messzeitpunkt (Punktprävalenz) findet man in der Allgemeinbevölkerung 0,7 bis 3,3% Betroffene (2). Deutlich häufiger tritt diese Essstörung in speziellen Gruppen wie z.B. bei Overeaters Anonymous (70%) oder bei schwer adipösen Menschen vor einer chirurgischen Therapie auf (12–47%)(2). |
| |
| Wie viele Neuerkrankungen gibt es? |
 |
| |
Anorexie
Methodisch aufwendige Studien in Holland und in den USA fanden 8,1–8,3 Neuerkrankungen auf 100.000 EinwohnerInnen (16). Auf Österreich übertragen ergäbe das pro Jahr geschätzte 660–675 Neuerkrankungen im gesamten Bundesgebiet und 133–140 für Wien1.
Bulimie
Zwischen 12 und 14 von 100.000 EinwohnerInnen sollen jährlich an Bulimie erkranken (7, 16). Auf Österreich übertragen bedeutet dies geschätzte 975–1.140 Neuerkrankungen im Bundesgebiet bzw. 200–230 in Wien pro Jahr. Bei 20- bis 24-jährigen Frauen ist die Neuerkrankungsrate mit 82 Neuerkrankungen von 100.000 deutlich höher (16).
Binge Eating Disorder
Zur Inzidenz (= Ersterkrankungen pro Jahr) konnten keine Angaben gefunden werden.
Bevölkerung in Österreich 2003: 8,117.754 (Quelle: Statistisches Jahrbuch 2005) und in Wien 2005: 1.651.437 (Quelle: www.wien.gv.at/statistik/daten/pdf/bev-entwicklung-lang.pdf) |
| |
| Nehmen Essstörungen zu? |
 |
| |
In der aktuellen öffentlichen Diskussion wird wiederholt von einer Zunahme an Essstörungen gesprochen. Fragt man LehrerInnen an Pflichtschulen, beobachten diese einerseits eine Zunahme an übergewichtigen Kindern in bestimmten Schulen und Regionen und berichten andererseits von sehr dünnen Kindern und Jugendlichen, deren Selbstwert maßgeblich durch das Körpergewicht bestimmt wird und bei denen Diäten und Hungerphasen zum Alltag gehören.
Eine der wenigen Studien, die in Österreich Trends in der Entwicklung von problematischen Essverhaltensweisen bei Kindern und jungen Erwachsenen zwischen 10 und 20 Jahren erhob (6), zeigt einen signifikanten Anstieg an extrem untergewichtigen bzw. extrem übergewichtigen adoleszenten Mädchen zwischen den frühen 90er Jahren und 2004 auf.
Der Anteil der Burschen, die schon einmal hungerten, stieg von 19,2% auf 29,2% signifikant an. Deutlich mehr Mädchen kompensieren zum zweiten Messzeitpunkt Essanfälle mit Erbrechen oder Abführmitteln, bei Burschen treten deutlich häufiger Essanfälle auf als früher.
Diese Studie liefert somit einen Hinweis, dass problematische Essverhaltensweisen (dabei muss es sich noch nicht um manifeste Essstörungen handeln!) bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im letzten Jahrzehnt zugenommen haben.
Obwohl zwar die Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht, Hungern bzw. Diäten sowie problematische Essverhaltensweisen zunehmen, liefert die aktuelle Datenlage keine gesicherten Hinweise dafür, dass dies auch für die Manifestation von Essstörungen im klinischen Sinne gilt.
Eine großangelegte britische Studie untersuchte die Trends im Erstauftreten von Essstörungen bei 10- bis 39-jährigen Frauen zwischen 1988 und 2000. Die Inzidenz der Anorexie war über den Beobachtungszeitraum annähernd gleich bleibend, die Inzidenz für Bulimie stieg bis 1996 an, um seither zu sinken (1).
Neuere Publikationen sprechen von dem Vorkommen einer voll ausgeprägten Anorexie ca. einmal unter 200 Mädchen und jungen Frauen im Alter zwischen zwölf und 28 Jahren. Bulimie trete doppelt so häufig auf (19). |
| |
| Wie verlaufen Essstörungen? |
 |
| |
Als wissenschaftlich belegbare Risikofaktoren für die Entstehung einer Essstörungen sind zu nennen: Weibliches Geschlecht, Gewichtssorgen, ein negatives Körperbild, Diäthalten, geringe soziale Unterstützung (19).
Essstörungen entwickeln sich meist „schleichend“: im Vorfeld stehen häufig Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht und Diäten, die Übergänge von sog. subsyndromalen Essstörungen (d.h. es werden nicht alle Kriterien für die Diagnose einer klinischen Essstörung erfüllt) zu manifesten Essstörungen sind fließend. Man kann davon ausgehen, dass bis zu 13% aller jungen Frauen eine subsyndromale Essstörung haben (4). In Wien dürften über 2.000 Mädchen und rund 100 Burschen ein hohes Risiko haben, an Anorexie oder Bulimie zu erkranken (2). Im Schnitt wenden sich Betroffene erst sechs Jahre nach dem Beginn einer Erkrankung erstmals an eine fachspezifische Einrichtung (20).
Ein Wechsel von einer Essstörung in eine andere, insbesondere von Anorexie zu Bulimie, ist möglich: bei 15–25% der Mädchen und Frauen mit Bulimie lässt sich in der Vorgeschichte eine Anorexie erheben, bei 60% der von Anorexie Betroffenen ist ein Übergang in die Bulimie zu beobachten (4, 19).
Verlauf bei Anorexie
Mit der Dauer der Anorexie steigt der Anteil jener, die vollständig genesen, aber es steigt auch der Anteil jener, die an den Folgen der Erkrankung sterben (14).
Mehr als 10 Jahre nach Diagnosestellung sind 73,2% vollständig genesen, bei 8,5% lässt sich eine Verbesserung in der Symptomatik feststellen und bei 13,7% kommt es zu einer Chronifizierung. Immerhin 9,4% sterben an den Folgen der Erkrankung (14).

Eine weitere langfristige Studie in Deutschland weist 21 Jahre nach der Erstbehandlung bei 50,6% eine vollständige Genesung, bei 20,8% eine Verbesserung der Symptomatik, bei 10,4% eine Chronifizierung und bei 14,3% einen tödlichen Ausgang der Erkrankung nach (18).
Eine frühzeitige Behandlungsaufnahme in einer spezialisierten Einrichtung, eine restriktive Anorexie sowie geringe psychosoziale Einschränkungen wirken sich günstig auf den Krankheitsverlauf aus (18). Der Krankheitsverlauf wird weiters vom Ausgangsgewicht und der Gewichtsentwicklung während einer initialen stationären Aufenthaltsphase beeinflusst.
Verlauf bei Bulimie
Langfristig kommt es bei 50–60% der Betroffenen zu einer vollständigen Genesung bzw. Spontanremission, bei 20–30% zu einer deutlichen Verbesserung. Zu einer Chronifizierung der Bulimie kommt es bei 20%. Verglichen mit Anorexie ist die Sterberate mit 0,5% deutlich geringer (15). Die Krankheitseinsicht der Betroffenen erfolgt im Durchschnitt erst nach sieben Jahren (19).
Chronifizierung der Bulimie, stark ausgeprägte Symptomatik, eine familiäre Vorgeschichte an Depression und Alkoholismus, sexueller Missbrauch, Persönlichkeitsstörungen, Therapieabbrüche und wiederholte fehlgeschlagene Vorbehandlungen gehen mit ungünstigeren Krankheitsverläufen einher (9).
Verlauf einer Binge Eating Disorder
Bei der Binge Eating Disorder handelt es sich um eine komplexe Essstörung, Langzeituntersuchungen über den Verlauf liegen nicht vor. Die typischen Verläufe lassen sich deshalb nur sehr allgemein beschreiben. Der Verlauf ist fluktuierend, Spontanremissionen dürften häufiger vorkommen als bei den anderen Essstörungen (11).
Ein Jahr nach dem ersten Auftreten eines Essanfalls leiden ca. 30–50% nicht mehr darunter (11), fünf Jahre nach Erstauftreten haben ca. 85% keine Binge Eating Disorder mehr (8). Liegt zusätzlich zur Binge Eating Disorder Übergewicht vor, geht diese mit einer häufig frühen Übergewichtsentwicklung einher (3).
|
| |
| Literatur |
 |
(1) Currin, L., Schmidt, U., Treasure, J. & Jick, H. (2005). Time trends in eating disorder incidence. British Journal of Psychiatry, 186, 132-135.
(2) DeZwaan, M. & Wimmer-Puchinger, B. (2000). Essverhaltensstörungen. Wie groß ist das Problem bei Wiener Schülerinnen und Schülern? Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript.
(3) DeZwaan, M. (2004). Störungen mit Essanfällen (Binge Eating Disorder). ÖGES Newsletter Herbst 2004, 4(1), 4-8.
(4) DeZwaan, M. (2007). Der Beitrag der MedizinerInnen zur Früherkennung von Essstörungen. Download [pdf]
(5) Essstörungshotline: Zahlen, Daten, Fakten.
(6) Friedl, H., Waldherr, K. & Rathner, G. (2005). Restrained and Disturbed Eating Behaviour in Adolescents from Lower Austria in 1993 and 2004. Programm und Abstracts Kongress Essstörungen 2005, September 5-7, 2005, Innsbruck, Austria.
(7) Karwautz, A. (1997). Eßstörungen. Gesundheitsbericht Wien.
(8) Krüger, C. (2001). Binge Eating und Binge Eating Störung. In: Reich, G. & Cierpka, M. (Hrsg.): Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Thieme: Stuttgart.
(9) Krüger et al. (2001). Essstörungen und Adipositas: Epidemiologie – Diagnostik – Verläufe. In: Reich, G. & Cierpka, M. (Hrsg.): Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Thieme: Stuttgart.
(10) Lindblad, R. & Lindberg, H.A. (2006). Anorexia Nervosa in Young Men. International Journal of Eating Disorders, 39 (8).
(11) Munsch, S. (2003). Binge Eating Disorder. Kognitive Verhaltenstherapie bei Essanfällen. Beltz Verlag: Weinheim.
(12) Pudel, V. (2001). Ernährung – Gewicht – Diät. Die Mythen und die Fakten. In Reich, G. & Cierpka, M. (Hrsg.): Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Thieme: Stuttgart, New York.
(13) Schober, E. (2002). Essverhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Diabetes Forum, 2.
(14) Steinhausen, H.-C. (2002). The Outcome of Anorexia Nervosa in the 20th Century. American Journal of Psychiatry, 159 (8). 1284-1293.
(15) Toman, E. (2002). Bulimie und das Unverdaubare. Berner Schriftenreihe. Download [pdf]
(16) Van Hoeken, D., Seidell, J. & Wijbrand Hoek, H. (2005). Epidemiology. In: Treasure, J., Schmidt, U. & van Furth, E.: The essential Handbook of Eating Disorders, 2nd ed., Wiley: West Sussex.
(17) Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (2004). Essstörungen. Suchtmedizinische Reihe. Band 3. Download [pdf]
(18) Lowe, B., Zipfel, S., Buchholz, C., Dupont, Y., Reas, D.L. & Herzog, W. (2002). Long-term outcome of anorexia nervosa in a prospective 21-year follow-up study. Psychological Medicine, 31(5), 881-890.
(19) Berger, U. (2008).Essstörungen wirkungsvoll vorbeugen. Die Programme PriMa, TOPP und Torera zur Primärprävention von magersucht, Bulimie, Fress-Attacken und Adipositas. Verlag W. Kohlhammer, 21-40.
(20) sowhat – Insititut für Menschen mit Essstörungen. Jahresbericht 2008, 16. (12.7.2010)
Erstellt im April 2007
Autorin: MMag. Margit Hörndler
Aktualisiert im Juli 2010 |
|