Rezensionen
Uwe Knop
Hunger & Lust
Das erste Buch zur kulinarischen Körperintelligenz
BoD, Norderstedt, 2009, 156 Seiten
Ich finde Uwe Knops Buch für jeden lesenwert, der Interesse an der Thematik „Ernährung – richtiges Essen“ hat. Der Autor schreibt flüssig und allgemein verständlich. Er wendet sich an alle am Thema Interessierten, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass seine im Text gegebenen Empfehlungen nur für Menschen gedacht sind, die nicht an einer Essstörung leiden.
Ausgangspunkt ist ein Streifzug durch „wissenschaftliche“ Studien, die Ernährungsgewohnheiten analysieren und bewerten. Wichtig sein Hinweis, dass hinter jeder in Auftrag gegebenen Studie ein Interesse steht, sehr oft mit dem konkreten Wunsch, das Einkaufsverhalten der Menschen zu steuern. Dem gemäß gibt es einerseits überraschende Ergebnisse, die aufgrund von eingeschränkten Blickwinkeln entlastend für die Konsumenten von „ungesunden“ Lebensmitteln wirken. (S.32 „... ein bis zwei Gläser Rotwein pro Tag sollen insbesondere männliche Raucher vor Lungenkrebs schützen.“)
Andererseits fehlen solide Studien, die erwünschte positive Wirkungen von „gesunden“ Lebensmitteln bestätigen. (S.29 „... selbst der Verzehr von viel Obst und Gemüse schützt nicht vor Krebs.“). Manchmal sprechen die Untersuchungen sogar dafür, dass nicht nur der gewünschte Nutzen nicht nachweisbar ist, sondern wie im Fall der Lightprodukte genau der gegenteilige Effekt eintritt: sie fördern Gewichtszunahme. (S.43 „... sogar der TÜV Rheinland verkündete im Januar 2009, dass Lightprodukte nicht schlank machen, sondern das Hungergefühl steigern.“)
Am Ende seines unterhaltsamen und aufschlussreichen Streifzuges durch die widersprüchlichen Forschungsergebnisse kommt der Autor zu dem Schluss: „Vergessen sie alles, was sie über gesunde Ernährung zu wissen glauben. Es gibt kein gesundes Essen für alle, denn jeder Mensch is(s)t anders.“ (S.53) Im Anschluss erläutert er seine Kernthese von der kulinarischen Körperintelligenz: „Unsere Sinne „schmecken, riechen und fühlen“, unser Bewusstsein, unser Gefühls- und Belohnungszentrum im Kopf und unser Darmhirn stehen in ständiger Kommunikation miteinander, damit wir die richtige Nahrung essen. So gewährleistet unser Körper in Rückkoppelung mit dem gesamten Versorgungszustand, stets die notwendigen Nährstoffe zu bekommen, die er mittels Hunger und Lust einfordert.“ (S.61) Dem gemäß ist das Hinhören auf die eigenen Bedürfnisse wichtiger als die Suche nach den richtigen Informationen.
Als zweites Grundprinzip erklärt der Autor das „Rein – Raus“ Prinzip. Damit hinterfragt er spezielle Diäten und sieht als zentralen wirksamen Faktor die Energiebilanz (wer mehr Kalorien zu sich nimmt als er benötigt nimmt zu, wer abnehmen will darf essen was ihm schmeckt, allerdings nicht soviel, dass er sich richtig satt fühlt). Viele interessante Detailinformationen ergänzen und erläutern diese einfachen Prinzipien. Mit den „elf Essenzen der Echten Esser“ schließt das Buch.
Insgesamt fand ich bei der Lektüre viele für mich neue Informationen und eine unterhaltsame Anleitung zur Selbstreflexion der eigenen Essgewohnheiten.
Rezensiert von: M. Wögerbauer-Schreihans
Tschiedl, S./Bailer, U.
Zum Kotzen
Tagebuch einer Bulimie-Erkrankung
Verlagshaus der Ärzte, 184 Seiten, 2008 |
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Schon aus dem Titel geht sehr klar hervor, worum es sich handelt. Wie sich eine Essstörung, in diesem Fall eine Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) den Weg bahnt, wie sie sich eingeschlichen und immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen die Bulimie so zunehmen konnte.
Eine betroffene junge Frau schreibt, wie sich die Erkrankung immer mehr in den Mittelpunkt gedrängt hat und wie schwierig es wird, diese anfangs als hilfreich wahrgenommene Angewohnheit des Erbrechens wieder los zu werden. Wie scheinbar mühelos sich die Essstörung als Helferin „anbietet“, wenn sich die Erzählerin von denen an sie gerichteten Erwartungen überfordert fühlt, bei den Eltern nicht die Zuwendung findet, nach der sie sich sehnt, sich bei der Suche nach Sinn und Identität alleine gelassen fühlt.
Auf viele Fragen und Situationen der Verzweiflung und Ungewissheit scheint das „Kotzen“ befriedigende Antworten und Lösungen zu geben.
Diese sehr mutigen und persönlichen Einsichten werden durch fachkundige Erklärungen und Hinweise einer Fachärztin für Psychiatrie ergänzt. So gelingt es den Autorinnen, einen individuellen und parallel dazu einen facheinschlägigen Ein- und Überblick in den Verlauf der Ess-Brechsucht zu geben.
In ihrem Vorwort schreibt Sigrid Tschiedl, wie wichtig es wäre „hin zu schauen“. Genau dazu kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag liefern, das unvorstellbare, unfassbare und nicht verstehbare vorstellbarer, fassbarer und verstehbarer zu machen, um doch den Mut zu haben „hin zu schauen“ und vielleicht es auch „anzusprechen“.
Rezensiert von: Mag. Sabine Schmid-Sipka
Julia Fritz
Im Spiegel der Erinnerung
Magersucht und Genesung im biographischen Kontext
Tectum Verlag, 2009, 382 Seiten |
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Diese Diplomarbeit, die sich anhand von vier biographischen Portraits junger Frauen mit dem Thema der Anorexie auseinandersetzt, wurde mit einem Förderpreis ausgezeichnet und ist in der Folge als Buch erschienen.
Die Magersucht zeigt sich bei vier jungen Frauen als ein sichtbares Zeichen für den Versuch mit kränkenden und verunsichernden Lebenssituationen umzugehen. Die jeweilige Geschichte der Magersucht wird aus der Position der überwundenen Erkrankung in Form von narrativen Interviews rekonstruiert. Die Lebensgeschichten sind neben Magersuchts- und Genesungsgeschichten auch Erzählungen über Wege und Irrwege vom "Mädchen-Sein" zum "Frau-Sein".
Das Kernstücke der Arbeit bilden biographischen Portraits vier junger Frauen im Alter zwischen 22 Jahren und 37 Jahren. Sie erzählen von ihrem Leben, ihren Zielen, Freuden und Ängsten, vom Scheitern und Verfehlen, vom Zulassen und Überwinden.
Die unterschiedlichen Lebensgeschichten veranschaulichen die individuelle Färbung von allgemein weiblichen Entwicklungsthemen des jüngeren Erwachsenenalters. Die Fallgeschichten verdeutlichen, wie erzählte Kindheits- und Jugenderfahrungen durch subjektive Magersuchts- und Genesungsgeschichten überlagert werden.
Das Buch handelt von den im Rahmen einer Anorexieerkrankung wirksamen Gefühlen wie Macht und Autonomie, Wut und Aggression sowie Scham- und in weiterer Folge Schuldgefühlen, die bei der Entstehung der Anorexie einen wesentlichen Faktor ausmachen. Das eigentlich bemerkenswerte an diesem Text ist die achtsame Begegnung der Autorin mit "vier besonderen Frauen" und ihren Eigenheiten, sich auf eine "Beziehung" einzulassen. Eine theoretische Verortung im Sinne der beschriebenen Bindungstheorie bietet sich an und wird auch im Text ausgeführt, beschrieben und erläutert. Schon in der Beschreibung und Charakterisierung der ersten Begegnung mit den betroffenen Frauen vermittelt die Autorin ein starkes Gefühl von nuancierter Wertschätzung und achtsamer Einfühlung.
Die Leserin, die vielleicht selbst von der Erkrankung betroffen sein mag, entwickelt Verständnis und Einsicht für sich selbst, insofern empfehle ich das Buch, insbesondere die Lektüre der Fallgeschichten. Sie erfährt Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einer Erkrankung am Beispiel individueller Fallgeschichten. Das vorliegende Buch ist auch ein Wegweiser für die im Umfeld der Erkrankung stehenden Freunde, Bekannten und Angehörigen, die sich auch theoretisch mit der Erkrankung auseinandersetzen wollen. Nicht zuletzt kann auch eine Fachfrau (Therapeutin, Ärztin, klinische Psychologin) von der Lektüre dieser Genesungsgeschichte profitieren. Rezensiert von: Mag. Andreas Bartl, Juni 2010 |