Magersucht, Bulimie & Co. –
Wann ist man eigentlich "essgestört"?
Is(s)t heute überhaupt noch jemand normal?
Die Frage ist durchaus berechtigt, wenn man sich das Ernährungsverhalten und Körpergefühl unserer Jugendlichen genauer ansieht. Expertenumfragen haben nämlich gezeigt, dass allein in Wien 2000 Mädchen und immerhin 100 Burschen akut von Magersucht oder Bulimie bedroht sind (M. De Zwaan/B. Wimmer-Puchinger/E. Baldaszti [2000]: Essstörungen – Wie groß ist das Problem in Wien? Erhebung bei Wiener Schülerinnen). Kein Wunder also, dass heute nicht weniger als 200 000 (!) ÖsterreicherInnen als „essgestört“ gelten (G. Rathner [1999]: Was Sie über Essstörungen wissen sollten. Netzwerk Essstörungen, Innsbruck).
Der Kampf mit den Kilos – "Einstiegsdroge Diät"
Warum das so ist? 90% aller Mädchen sind heute mit ihren Körperproportionen unzufrieden, mehr als 80% haben Angst davor zuzunehmen und leiten ihren Selbstwert von der Anzeige auf der Waage ab. Die Folge: jede zweite junge Österreicherin hat bereits einschlägige Diäterfahrung. Erschreckend viele von ihnen haben auch schon erbrochen oder versucht, mit Abführmitteln oder Entwässerungspillen ihr Gewicht zu reduzieren (M. De Zwaan/B. Wimmer-Puchinger/E. Baldaszti [2000]: Essstörungen – Wie groß ist das Problem in Wien? Erhebung bei Wiener Schülerinnen; B. Wimmer-Puchinger/M. Strobich [2004]: Schlankheit – immer noch ein Ideal? Erhebung bei 657 Wiener Frauen).
Von der Diät zur Essstörung
Doch bei einer einfachen Diät bleibt es oft nicht. Schritt für Schritt rutschen viele in den Teufelskreis eines gestörten Essverhaltens, aus dem es ohne professionelle Hilfe kaum noch einen Ausweg gibt.
Besonders dramatisch ist der hohe Anteil an Jugendlichen, vor allem an Mädchen und jungen Frauen: derzeit sind über 11 000 Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren sowie mehr als 39 000 weibliche Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren hochgradig gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln. Mindestens 2 500 Mädchen zwischen 15 und 20 Jahren sind bereits magersüchtig, mehr als 5000 leiden an einer leichteren Form von Essstörungen. Und unter den 20- bis 30-jährigen gibt es gleich 6500 Frauen, auf die die Diagnose "Bulimie" (Ess-Brechsucht) zutrifft (G. Rathner [1999]: Was Sie über Essstörungen wissen sollten. Netzwerk Essstörungen, Innsbruck). Damit hat schätzungsweise jede 12. junge Österreicherin eine Essstörung! Das darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass neben dieser Hauptrisikogruppe auch tausende ältere Frauen und auch Männer in Österreich unter der einen oder anderen schweren Form von Essstörung leiden.
Die Allgemeinheit zahlt für diese mehr als dramatische Situation einen hohen Preis. Schließlich hat die Zahl stationärer Krankenhausaufenthalte „essgestörter“ PatientInnen in den letzten Jahrzehnten geradezu sprunghaft zugenommen: von 269 im Jahr 1989 auf 1471 (!) im Jahr 2000 (Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2005/6, S. 122). Die volkswirtschaftlichen Kosten betragen nach vorsichtigen Schätzungen jährlich weit mehr als 17 Millionen Euro (Hochrechnung aufgrund von Angaben des Wiener Krankenanstaltenverbundes KAV im Februar 2007). Ambulante Behandlungen schlugen 1999 allein in Wien mit etwa 1,7 Mio. Euro zu Buche (aufgrund eines unveröffentlichten Berichts des Österreichisches Bundesinstituts für Gesundheitswesen [ÖBIG], 2000: Kostenschätzung von Folgeerkrankungen bei Essstörungen).
Doch mit keinem Geld der Welt sind jene Leiden aufzuwiegen, die Betroffene im „goldenen Käfig“ der Krankheit erleben.
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