Rezensionen zum Thema Essstörungen

von Lisa Tomaschek-Habrina

 

Susann Sitzler
Bauchgefühle
Mein Körper und sein wahres Gesicht 
C.H.Beck: 2011

 

Frau Sitzler entführt die Leser in ihre Welt, die Dicksein nicht nur als ein Defizit erkennt, sondern als einen Zustand der nun mal ist. In Form eines Essays rückt sie von den gängigen Idealvorstellungen ab und gibt den Dicken, Molligen und Übergewichtigen ihre Würde zurück. Anstatt einem unerreichbaren Ideal hinter her zu hetzen hat sie gelernt ihr eigenes Dicksein anzunehmen und damit zu spielen. Ihre eigene Maßlosigkeit nicht zu verteufeln, sondern von Zeit zu Zeit genüsslich über die Stränge zu schlagen, weil sie das nun mal braucht.

Mit einer Mischung aus Zahlen, Fakten und Anekdoten aus ihrem eigenen Leben gelingt es der Autorin das Dicksein aus der Schmuddelecke zu holen und wieder in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Autorin rechnet mit gängigen Klischees und Schönheitsidealen ab und hinterfragt, ob ein schlanker Körper auch unbedingt ein schöner, gesunder und leistungsfähiger sein muss.

Mit dem Satz „der Körper löst niemals die Probleme der Seele“ versucht die Autorin zu verdeutlichen, dass das Hoch des Hungerns und der Leistungsfähigkeit das Tief der Krise und des sich gehen Lassens nicht ausschließt sondern ergänzt. „Dass man dick und stark, schwer und fröhlich sein kann.“


 

Janet Treasure / June Alexander
Gemeinsam die Magersucht besiegen
Ein Leitfaden für Betroffene, Freunde und Angehörige
Weinheim: Beltz 2014, 2. Auflage

 

Diese Buch hilft Magersucht zu verstehen und gibt einfache, verständnisvolle Hinweise sie gemeinsam zu bewältigen, geschrieben von einer international bekannten Expertin auf dem Gebiet der Essstörungen in London: Janet Treasure Ärztin und Psychotherapeutin, die sich v.a. auf die Behandlung von Magersucht spezialisiert hat.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste gibt einen allgemeinen Überblick über die Erkrankung, der zweite ist für Betroffene geschrieben und beinhaltet Strategien, mit der Magersucht zurechtzukommen. Der dritte Teil richtet sich an Angehörige, die jemanden besser verstehen wollen, der an dieser Krankheit leidet. Der vierte Teil wendet sich an die Fachleute: Lehrer, Ärzte, Psychotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter etc.

Das klinische Bild der Magersucht kann sehr unterschiedlich ausfallen, denn sie kann als

  • vorübergehende kurze Episode
  • als lebensbedrohliche Zuspitzung
  • oder als chronische, den Menschen schwächende Krankheit auftreten 

sowohl für junge Mädchen als auch für reife Frauen.

Treasure schafft es v.a. durch den familientherapeutischen Ansatz aufzuzeigen, dass Heilung möglich ist, allerdings bedeutet das in der Regel viel Mühe und Anstrengung. Je früher die Magersucht erkannt wird, desto leichter lässt es sich verhindern, dass sie zu einer regelrechten Lebensweise wird.


 

Beke Worthmann
Dein Leben hat Gewicht
Elf Porträts junger Magersüchtiger
Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2013

 

In "Dein Leben hat Gewicht" kommen 11 Betroffene zu Wort, und beschreiben durch die junge Autorin erzählt, was die Krankheit für jeden einzelnen der Jugendlichen bedeutet.

In kurzen Absätzen versteht es die Autorin wenig langatmig die unterschiedlichen Stationen von Jungen und Mädchen auf dem Weg in und aus der Anorexie zu schildern. Betroffene sowie Angehörige als auch BehandlerInnen erhalten so eine Innenschau der Kämpfe die kräfteraubend und zehrend sind.

Schlussendlich gibt eine leitende Oberärztin noch eine professionelle Einschätzung über Essstörungen im soziokulturellen Umfeld und Hinweise für deutsche Einrichtungen für Magersüchtige runden das sehr gelungene Buch ab.


 

Anja Hilbert / Brunna Tuschen-Caffier
Essanfälle und Adipositas
Ein Manual zur kognitiv-behavioralen Therapie der Binge-Eating-Störung
Göttingen: Hogrefe 2010

 

Binge Eating ist die häufigste Essstörung und ist durch wiederkehrende Essanfälle, eine erhöhte Psychopathologie und psychische Komorbidität sowie Übergewicht und Adipositas gekennzeichnet.

Das hier vorliegende Manual entstand über Jahre. Studien zur Psychopathologie, zum Körperbild, zur Emotionsregulation oder zur Stressreaktivität haben das psychopathologische Grundlagenwissen für dieses Manual geliefert. Schwerpunkte liegen zunächst auf der Diagnostik, der Gesprächsführung und der Erarbeitung eines Störungsmodells.

Zur Durchführung im Gruppensetting entwickelt, ist es auch im Einzelsetting anwendbar. Fallbeispiele dienen der praxisnahen Veranschaulichung der therapeutischen Arbeit. Die beiliegende CD-ROM enthält umfangreiches Arbeitsmaterial und Folien zur Unterstützung der therapeutischen Arbeit.


 

Sandra Becker / Stephan Zipfel / Martin Teufel
Psychotherapie der Adipositas
Stuttgart: Kohlhammer 2015

 

Das praxisorientierte Buch gibt einen Überblick über das diagnostische Vorgehen, die Erstellung einer differenzierten Therapie und die aktuellen Behandlungsleitlinien der Adipositas. Arbeitsmaterialien können zusätzlich aus dem Internet heruntergeladen werden. Schwerpunkt bildet eine kognitiv- verhaltenstherapeutischer Leitfaden zur Behandlung von adipösen PatientInnen mit einem BMI größer 30. V.a. das Kapitel der komorbiden psychischen Störungen von Sandra Becker möchte ich hervorheben, als eines der wenigen, die v.a. die Binge Eatinger Disorder näher beschreibt und sie ebenfalls auf die Unterschiede bei Adipösen mit oder ohne Essstörungen eingeht.

Guter Überblick, praxisrelevant und gut recherchiert.


 

Simone Hunsch / Anja Hilbert
Übergewicht und Adipositas
Fortschritte der Psychotherapie
Göttingen: Hogrefe 2015

 

Das Buch wendet sich an psychologisches und ärztliches Personal, die sich für die Interventionen, die Indikation zur Anwendung sowie das konkrete Vorgehen bei der Umsetzung der Interventionen der kognitiven Verhaltenstherapie bei Adipositas interessieren. Ätiologische Faktoren werden ebenso erläutert wie komorbide psychische Störungen. Nebst Basisprogramm der Verhaltensänderung, der Medikamentösen Therapie, eventuell einer bariatrischen Chirurgie wird v.a. auch die psychotherapeutische Notwendigkeit hervorgehoben.

Das Buch gibt einen guten Überblick, es gibt jedoch besser recherchierte Bücher zu dem Thema, die bereits am Markt sind.


 

Günter H. Seidler
Magersucht
Offenes Geheimnis
Gießen: Psychosozial Verlag 2013
Neuauflage von 1993 Vandenhoeck & Ruprecht

 

Dieses längere vergriffene Buch wurde dankenswerterweise wieder aufgelegt. Die Polarität von Intimität und Öffentlichkeit als orientierenden roten Faden in der Diskussion schlägt hier Seidler vor. Innerhalb eines psychoanalytischen Bezugsrahmens wird aus unterschiedlichen Perspektiven zur Frage der Triangulierung, zur Frage der Väter bei anorexiekranken Frauen und zu ihrer Affektivität Stellung bezogen.

Ein wichtiges Grundlagenwerk für Berufsgruppen, die mit anorektischen KlientInnen arbeiten.


 

Julia Ross
Was die Seele essen will
Die Mood Cure
Stuttgart: Klett Cotta 2013, 4. Aufl.

 

Julia Ross, Leiterin der Klinik Recovery Systems in Mill Valley Kalifornien, eine Klinik die sich seit 15 Jahren der auf Ernährung basierenden Behandlung von Gemütsleiden verschrieben hat (basierend auf eiweiß- und gemüsereiche sowie kohlehydratreduzierte Ernährung verbunden mit Psychotherapie), beschreibt in ihrem Buch sehr anschaulich, welche Bausteine und Nährstoffe unser Gehirn braucht, um emotionale Schwankungen ausgleichen zu können, hin zu einem Gleichgewicht der wichtigsten Gehirnbotenstoffe.

Welche Nahrungsbestandteile braucht der Organismus? Ross ist der Ansicht, dass ein Großteil des zunehmenden emotionalen Stresses auf Fehlfunktionen unseres Gehirns und unserer Körperchemie zurückzuführen ist. Sie beschreibt vier nicht unbekannte, hochspezialisierte Arten von Emotionsmolekülen, die vier Gefühlserzeuger, die im Gehirn Neurotransmitter genannt werden: Serotonin, Katecholamine, GABA und Endorphin. Diese 4 Neurotransmitter werden ausschließlich aus den Aminosäuren gebildet, die man in einweißreicher Nahrung findet. Zu viel Stress kann die Gute–Laune-Neurotransmitter des Gehirns aufbrauchen. Gesunder Schlaf, ausreichende Entspannung und angemessene Pausen sind ausschlaggebend für die Wiederherstellung eines optimalen Spiegels. Ebenso wichtig sind die Hormone der Schilddrüsen, der Nebennierenhormone und Sexualhormone. Ohne ausreichende Menge können die Neurotransmitter blockiert werden. Einfach und leicht verständlich beschreibt Ross die komplizierten Zusammenhänge, dass sich jeder Leihe ein eingehendes Bild davon machen kann.

Therapie in der Klinik gerade auch bei Menschen mit Essstörungen: Einnahme von Aminosäuren, der wesentlichen Nahrungsergänzungsmittel und eiweiß- und gemüsereiche sowie kohlehydratreduzierte Ernährung kombiniert mit Psychotherapie. In einem Selbsttest kann man herausfinden welcher Stimmungstyp man ist und welchen Nährstoff Masterplan man sich zusammenstellen kann. Bezugsquellen sind ebenso zu finden sowie immer der Hinweis mit Fachmännern und –frauen zusammenarbeiten.

Ross hat ein verstehbares, handhabbares und sinnvolles Werk geschrieben, dessen Inhalt dazu anregt, ihn für die therapeutische Praxis umzusetzen.


 

Marion Rößler
Shit on Diet
Ich esse was ich will
Bühl: Matrix Erlebnis Verlag 2013

 

Auch Sie haben die Nase voll von aufgezwungenen Vorgaben der Gesellschaft in Bezug auf ihre Konfektionsgröße? Die Autorin erzählt ihre Entdeckungsreise zu Genuss und Individualität, vom Essensstress zur Entspannung.

Mit einem Augenzwinkern beschreibt die Autorin, wie sie sich in den schicksten Kleidungen nicht mehr ansehnlich fühlte, warum es ihr nicht egal war, was andere über sie denken bis dorthin, als sie eine "Leck-mich-am Arsch-Einstellung entwickelte. Letztendes beschreibt sie ihren individuellen Weg zu ihrem "Genuss von A bis satt", den Genussorten, ihren Genussmahlzeiten und Genusszeiten.


 

Jennifer Taitz
Wenn Essen nicht satt macht
Emotionales Essverhalten erkennen und überwinden
Köln: Balance buch + medien 2013

 

Essverhalten wie exzessives Fasten, Essen oder Erbrechen kann zur Abschwächung oder Vermeidung unangenehmer Emotionen eingesetzt werden. Frauen wie Männer geraden damit in einen Kreislauf, in dem Essen zur wesentlichen Technik der Emotionsregulation wird, sie aber gleichzeitig erhebliche Beeinträchtigungen durch die negativen körperlichen und seelischen Folgen des gestörten Essverhaltens erleiden.

Den Ausweg aus diesem Kreislauf sieht die amerikanische Therapeutin Taitz, indem man lernt mit seinen Gefühlen in adäquater weise umzugehen. Die Verhaltenstherapie scheint hier laut Taitz, einiges dazu bieten zu können u.a. Training des Emotionsmanagements, der Stresstoleranz, Achtsamkeit u.v.a.m.

Dieses Buch ist ein Selbsthilfebuch mit Techniken, die man selbst gut ausprobieren und üben kann.


 

Katherina Giesemann (Hrsg.)
Hungern im Überfluss
Essstörungen in der ambulanten Psychotherapie
Stuttgart: Klett-Cotta 2012

 

Dieses Buch versteht sich als Arbeitsbuch von ambulant arbeitenden Ärzten, Psychologen, und Sozialpädagogen für ambulant tätige KollegInnen, die in der Praxis auf verschiedene Weise psychogenen Essstörungen begegnen. Die Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven ist als Anregung und Ergänzung in der ambulanten Therapiearbeit gedacht.

Im ersten Teil des Buches werden fünf verschiedene ambulante psychotherapeutische Behandlungsansätze und –verläufe geschildert. Psychodynamische Behandlungstechnik, Autonomieentwicklung, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung und auch Techniken der Hypnotherapie und aus dem EMDR werden vorgestellt. Im zweiten Teil werden differentialdiagnostische Überlegungen bei Essstörungen beschrieben. Im letzten Teil des Buches wird über die Schnittstelle zwischen Klinik und ambulanter Praxis sowie Ernährungsberatung behandelt.

Auf wissenschaftlicher Grundlage werden hier sehr verständlich Ansätze und Erfahrungen moderner Psychotherapien veranschaulicht und für Fachleute brauchbar aufbereitet.


 

Lena S.
Auf Stelzen gehen
Geschichte einer Magersucht
Köln: Balance medien + buch 2011

 

"Als ich 17 war, begann ich zu sterben, mit 19 hatte ich es fast geschafft. Ich bin nochmal umgekehrt. Warum?"

So beginnt das eindrucksvolle Buch einer Psychologiestudentin, die mit 15 Jahren feststellt, dass der Körper alles ist, was ihr gehört. So beginnt der Kampf um den perfekten Körper, um die Kontrolle über Kilo und Gramm. Zu Beginn jedes Kapitels schreibt sie: "Wer bin ich?" Mal steht hier Anorexia nervosa, restriktiver Typ, mal steht hier Anorexia nervosa partielle Remission.

Lena beschreibt sehr eindrücklich ihren Wege in die AN und wieder heraus. Sehr ehrlich und realitätsnahe beschreibt sie ihren Alltag, ihre Ängste und Nöte.


 

Silja Vocks / Tanja Legenbauer
Körperbildtherapie bei Anorexia und Bulimia Nervosa
Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsprogramm
Göttingen: Hogrefe 2010

 

Dieses Manual informiert präzise über Störungen des Körperbildes und ihren Stellenwert bei der Entstehung Aufrechterhaltung von Anorexia und Bulimia Nervosa.

Neben Diagnostischen Instrumenten werden die einzelnen Therapiemodulen mit Zielsetzung und Vorgehensweise in der Gruppe sowie im Einzelsetting beschrieben, sodass ExpertInnen diese in ihre therapeutische Arbeit integrieren können. Arbeitsblätter werden auch in der dazugehörenden CD-Rom zur Verfügung gestellt.


 

Jan Flassbeck
Co-Abhängigkeit
Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken
Stuttgart: Klett Cotta 2010

 

Das Buch nimmt die behandlungsbedürftige Gruppe der Angehörigen von Suchtkranken unter die Lupe und entwickelt Leitlinien für eine Behandlung.

Jan Flassbeck gelingt es klar und handhabbar das Lebensmuster von Süchtigen darzustellen, die Verantwortung für die eigene Person und das eigene Leben nicht anzunehmen. Und da kommt ihr Umfeld ins Spiel, welches bereitwillig genau diese Verantwortung oft bereitwillig übernimmt, und sich dabei langfristig „übernimmt“. Flassbeck beschreibt die drei Formen der Co-Abhängigkeit als ein zunächst typisches und gesundes Erlebens- und Reaktionsmuster im näheren Kontakt zum Suchtkranken. Daraus kann sich eine persönliche Problematik entwickeln, aus der wiederum eine psychische Störung, das Co-Abhängigkeitssyndrom erwachsen kann, und schließlich Co-Abhängigkeit als Reaktion einer Institution auf die Suchterkrankung eines Mitglieds.

In einem symptomatischen Abgleich von Co-Abhängigkeit versus Sucht gibt er eine praktikable Gegenüberstellung co-abhängiger und süchtiger Symptome, wo die offenkundige Übereinstimmung der Symptombilder sofort auffällt. Durch viele Fallbeispiele bringt er einen guten Praxisbezug, der sowohl für Betroffene als auch für Helfende Berufe die nötige Plastizität des Phänomens bringt.

Ein sehr brauchbares Buch für Betroffene, Interessierte aber auch Experten.


 

Mathias Hirsch
"Mein Körper gehört mir ... und ich kann mit ihm machen, was ich will"
Dissoziation und Inszenierungen des Körpers psychoanalytisch betrachtet
Gießen: Psychosozial Verlag 2010

 

Selbstbeschädigung und Essstörungen sind die modernen Krankheitsbilder der Adoleszenz, mit dem Ziel wenigstens den Körper beherrschen zu können, wenn man sonst schon machtlos ist. Mathias Hirsch veranschaulicht durch viele Praxisbeispiele den oft skurrilen zeitgenössischen Umgang mit dem eigenen Körper. Eingehend widmet er sich den Körpersdissoziationen: der Körper als Mutter-Ersatz, als Container, als Abgrenzungsmittel, Objektersatzmittel. Im Kapitel Essstörungen berichtet Hirsch detailiert über die ersten 1 ½ Jahre einer kombinierten Einzel- und Gruppenpsychotherapie einer schwer anorektischen 21jährigen Patientin und gibt schlußendlich eine Analyse über das Gelingen der Behandlung.

Der Körper ist ein Teil des Selbst, und doch kann er das Selbst beeinträchtigen, wenn er reagiert, wie er nicht soll. Und der Mensch macht den Körper zu seinem Objekt und behandelt oder malträtiert ihn, um sich selbst zu definieren oder größeres Übel zu verhindern.

Jugendliche rebellieren häufig mit ihrem Körper gegenüber gesellschaftlichen Normen – häufig wie Naturvölker: Tattoo, Piercing, Narben, Schmerzen aushalten, fasten, Diäten. Als Teil des Identitätsfindungsprozess schaffen sie häufig danach auch wieder die Integration in den vorgegebenen Rahmen, wenn sie dies für sinnvoll erachten. Im pathologischen Körperagieren, gibt es leider diese Entwicklung nicht. Es muss ständig wiederholt werden. In unserer entritualisierten Gesellschaft, treten diese Körperrituale an die Stelle der Identitätsfindungsrituale: Schönheit, Sonnenbank, Jogging, Marathon, Extremsportarten werden als hoher Wert angesehen. Der Verlust von Regeln und Ritualen, von sicherer Gruppezugehörigkeit und Religion scheint das Erfinden von Ersatzritualen nötig zu machen, um ein Identitätsdefizit zu kompensieren.

Dieses Buch beschäftigt sich intensiv mit dieser Thematik, für Ottonormalverbraucher zuviele Fachtermini – Fachleute finden hier einen guten Fundus.


 

Peter Joraschky, Thomas H. Loew, Frank Röhricht (Hrsg.)
Körpererleben und Körperbild
Ein Handbuch zur Diagnostik
Stuttgart: Schattauer 2009

 

Bei der Lektüre wird in jedem Kapitel sehr deutlich wie schwierig es ist, die Konstrukte "Körperbild", "Körpererleben" und "Körperwahrnehmung" begrifflich eindeutig zu erfassen, zu beschreiben und damit eine Grundlage für Operationalisierbarkeit zu haben. Es werden unterschiedliche Methoden vorgestellt, wodurch der/die LeserIn einen guten Überblick erhält, um sich in die Begrifflichkeit und Terminologie einzuarbeiten.

Diese Erhebungsmethoden und diagnostischen Instrumentarien sind im einzelnen Fragebogenmethoden (ausgewählte Fragebogen werden vorgestellt und beschrieben), wahrnehmungspsychologische Methoden (insbesondere Untersuchungen bei essgestörten Patientengruppen wie beispielsweise Videoverzerrungstechnik, kinästhetische Größenschätzungen, Board-Markierungsmethode), Bewegungsanalyse (Bedeutung des Körperschemas für das Bewegungsverhalten und daraus folgend die Bewegungsanalyse als Diagnostikinstrument), konstruktivistische Methoden (Körper-Grid-Methode – das Körpersymptom als symbolische Repräsentanz einer Objektbeziehung), projektive Verfahren (z.B. Körperbildskulpturtest, Rorschachtest oder Körperbildmaltest bei Kindern) und auch psychoanalytische Zugangswege.

Das vorliegende Werk kann sowohl als Ausgangspunkt für wissenschaftliche Forschung, wie auch als Nachschlagewerk von bereits durchgeführten Ergebnissen dienen.

Der Einfluss des Körpers / des Körpererlebens auf die psychische Befindlichkeit gewinnt sowohl in der Forschung, als auch in der Behandlung zunehmend an Bedeutung. Es wird immer wieder darauf hingeweisen, dass es trotz aller Versuche einer begrifflichen Einordnung und Definition auch weiterhin schwierig bleibt, die Konstrukte einerseits zu erfassen, sie breit zu beschreiben und eine verbindliche Messmethodik zu entwickeln. Eine weitere Problematik besteht in der zumeist noch nicht ausreichenden methodischen Absicherung und Reproduzierbarkeit einzelner Ergebnisse.

Zusammenfassend gibt dieses Buch einen profunden Überblick über bereits durchgeführte grundlegende Arbeiten zu "Körperbild" und "Körpererleben" und bildet eine gute Basis für notwendige weitere Forschung und Vertiefung rund um das Thema "Körpererleben".


 

Maren Jensen, Michael Sadre Chirazi-Stark, Grit Hoffmann
Diagnoseübergreifende Psychoedukation
Ein Manual für Patienten- und Angehörigengruppen
Köln: Psychiatrie Verlag 2009

 

Das übersichtlich gestaltete Buch ist in einen sehr kurz gehaltenen einleitenden Teil mit allgemeinen Inhalten (theoretischer Hintergrund, Forschungsgegenstand, Beschreibung von Zielgruppe, Setting und Rahmenbedingungen) sowie einen sehr ausführlichen praktischen Teil gegliedert.

Insbesondere der Teil, der der praktischen Durchführung gewidmet ist, bietet eine sehr genaue, strukturierte Abfolge an einzelnen Gruppeneinheiten. Die/der GruppenleiterIn hat die Möglichkeit, den beschriebenen Angeboten (insgesamt 12 Gruppensitzungen) zu folgen, oder einzelne Einheiten als Grundlage zur persönlichen Adaptierung und Erweiterung zu verwenden.

Im Anhang finden sich Literaturempfehlungen zu den im Buch enthaltenen Störungsbildern und Themen (Psychose oder Neurose, schizophrene Psychosen, affektive Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen, Psychopharmaka, Psychotherapie und ergänzende Therapien) sowie Empfehlungen für Patientenlektüre. Ergänzt und abgerundet wird das Buch durch die beiliegende CD, die u.a. Präsentationsunterlagen, Arbeitsblätter, Informationsblätter und eine Kurzanleitung zu Progressiver Muskelrelaxation enthält. Die Arbeitsblätter und Informationsblätter können als Hand-Out an Gruppenteilnehmer ausgegeben werden.

Insgesamt liegt mit der "Diagnoseübergreifenden Psychoedukation" ein sehr brauchbares und praktikables Manual zur Gestaltung von psychoedukativen Gruppen vor. Insbesondere Berufsanfänger werden von der Überschaubarkeit und Strukturiertheit des Manuals profitieren können. Hingegen sind der theoretische und wissenschaftliche Hintergrund sowie die entsprechende wissenschaftlichen Forschungsergebnisse sehr knapp ausgefallen.


 

Uwe Knopp
Hunger & Lust
Das erste Buch zur kulinarischen Körperintelligenz
Nordstedt: Books on Demand 2009

 

Ich finde Uwe Knops Buch für jeden lesenwert, der Interesse an der Thematik „Ernährung – richtiges Essen“ hat. Der Autor schreibt flüssig und allgemein verständlich. Er wendet sich an alle am Thema Interessierten, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass seine im Text gegebenen Empfehlungen nur für Menschen gedacht sind, die nicht an einer Essstörung leiden. Ausgangspunkt ist ein Streifzug durch „wissenschaftliche“ Studien, die Ernährungsgewohnheiten analysieren und bewerten. Wichtig sein Hinweis, dass hinter jeder in Auftrag gegebenen Studie ein Interesse steht, sehr oft mit dem konkreten Wunsch, das Einkaufsverhalten der Menschen zu steuern. Dem gemäß gibt es einerseits überraschende Ergebnisse, die aufgrund von eingeschränkten Blickwinkeln entlastend für die Konsumenten von „ungesunden“ Lebensmitteln wirken. (S.32 „... ein bis zwei Gläser Rotwein pro Tag sollen insbesondere männliche Raucher vor Lungenkrebs schützen.“)

Andererseits fehlen solide Studien, die erwünschte positive Wirkungen von „gesunden“ Lebensmitteln bestätigen. (S.29 „... selbst der Verzehr von viel Obst und Gemüse schützt nicht vor Krebs.“). Manchmal sprechen die Untersuchungen sogar dafür, dass nicht nur der gewünschte Nutzen nicht nachweisbar ist, sondern wie im Fall der Lightprodukte genau der gegenteilige Effekt eintritt: sie fördern Gewichtszunahme. (S.43 „... sogar der TÜV Rheinland verkündete im Januar 2009, dass Lightprodukte nicht schlank machen, sondern das Hungergefühl steigern.“)

Am Ende seines unterhaltsamen und aufschlussreichen Streifzuges durch die widersprüchlichen Forschungsergebnisse kommt der Autor zu dem Schluss: „Vergessen sie alles, was sie über gesunde Ernährung zu wissen glauben. Es gibt kein gesundes Essen für alle, denn jeder Mensch is(s)t anders.“ (S.53) Im Anschluss erläutert er seine Kernthese von der kulinarischen Körperintelligenz: „Unsere Sinne „schmecken, riechen und fühlen“, unser Bewusstsein, unser Gefühls- und Belohnungszentrum im Kopf und unser Darmhirn stehen in ständiger Kommunikation miteinander, damit wir die richtige Nahrung essen. So gewährleistet unser Körper in Rückkoppelung mit dem gesamten Versorgungszustand, stets die notwendigen Nährstoffe zu bekommen, die er mittels Hunger und Lust einfordert.“ (S.61) Dem gemäß ist das Hinhören auf die eigenen Bedürfnisse wichtiger als die Suche nach den richtigen Informationen. Als zweites Grundprinzip erklärt der Autor das „Rein – Raus“ Prinzip. Damit hinterfragt er spezielle Diäten und sieht als zentralen wirksamen Faktor die Energiebilanz (wer mehr Kalorien zu sich nimmt als er benötigt nimmt zu, wer abnehmen will darf essen was ihm schmeckt, allerdings nicht soviel, dass er sich richtig satt fühlt). Viele interessante Detailinformationen ergänzen und erläutern diese einfachen Prinzipien. Mit den „elf Essenzen der Echten Esser“ schließt das Buch.

Insgesamt fand ich bei der Lektüre viele für mich neue Informationen und eine unterhaltsame Anleitung zur Selbstreflexion der eigenen Essgewohnheiten.

Rezensiert von Martin Wögerbauer-Schreihans


 

Julia Fritz
Im Spiegel der Erinnerung
Magersucht und Genesung im biographischen Kontext
Marburg: Tectum 2009

 

Diese Diplomarbeit, die sich anhand von vier biographischen Portraits junger Frauen mit dem Thema der Anorexie auseinandersetzt, wurde mit einem Förderpreis ausgezeichnet und ist in der Folge als Buch erschienen. Die Magersucht zeigt sich bei vier jungen Frauen als ein sichtbares Zeichen für den Versuch mit kränkenden und verunsichernden Lebenssituationen umzugehen. Die jeweilige Geschichte der Magersucht wird aus der Position der überwundenen Erkrankung in Form von narrativen Interviews rekonstruiert. Die Lebensgeschichten sind neben Magersuchts- und Genesungsgeschichten auch Erzählungen über Wege und Irrwege vom "Mädchen-Sein" zum "Frau-Sein". Das Kernstücke der Arbeit bilden biographischen Portraits vier junger Frauen im Alter zwischen 22 Jahren und 37 Jahren. Sie erzählen von ihrem Leben, ihren Zielen, Freuden und Ängsten, vom Scheitern und Verfehlen, vom Zulassen und Überwinden.

Die unterschiedlichen Lebensgeschichten veranschaulichen die individuelle Färbung von allgemein weiblichen Entwicklungsthemen des jüngeren Erwachsenenalters. Die Fallgeschichten verdeutlichen, wie erzählte Kindheits- und Jugenderfahrungen durch subjektive Magersuchts- und Genesungsgeschichten überlagert werden. Das Buch handelt von den im Rahmen einer Anorexieerkrankung wirksamen Gefühlen wie Macht und Autonomie, Wut und Aggression sowie Scham- und in weiterer Folge Schuldgefühlen, die bei der Entstehung der Anorexie einen wesentlichen Faktor ausmachen. Das eigentlich bemerkenswerte an diesem Text ist die achtsame Begegnung der Autorin mit "vier besonderen Frauen" und ihren Eigenheiten, sich auf eine "Beziehung" einzulassen. Eine theoretische Verortung im Sinne der beschriebenen Bindungstheorie bietet sich an und wird auch im Text ausgeführt, beschrieben und erläutert. Schon in der Beschreibung und Charakterisierung der ersten Begegnung mit den betroffenen Frauen vermittelt die Autorin ein starkes Gefühl von nuancierter Wertschätzung und achtsamer Einfühlung.

Die Leserin, die vielleicht selbst von der Erkrankung betroffen sein mag, entwickelt Verständnis und Einsicht für sich selbst, insofern empfehle ich das Buch, insbesondere die Lektüre der Fallgeschichten. Sie erfährt Wissenswertes über die Entstehungsgeschichte einer Erkrankung am Beispiel individueller Fallgeschichten. Das vorliegende Buch ist auch ein Wegweiser für die im Umfeld der Erkrankung stehenden Freunde, Bekannten und Angehörigen, die sich auch theoretisch mit der Erkrankung auseinandersetzen wollen. Nicht zuletzt kann auch eine Fachfrau (Therapeutin, Ärztin, klinische Psychologin) von der Lektüre dieser Genesungsgeschichte profitieren.


 

Jürg Liechti (Hrsg.)
Magersucht in Therapie
Gestaltung therapeutischer Beziehungssysteme
Heidelberg: Carl Auer 2008

 

Der Autor versteht es dem Praktiker wie interessierten Leser Einblick in die Problematik in die oft als Modekrankheit qualifizierte Störung zu geben, ohne moralischen Zeigefinger.

Liechti hebt besonders den systemischen Beziehungsaspekt der Magersucht als Angelpunkt therapeutischen Handelns hervor hin zu einem multifaktoriellen Bild der Störung, welche immer auch kontextuell verstanden und betrachtet werden muss.

Mit viel Einfühlungsvermögen wird geschildert, wie die Verweigerung des lebenserhaltenden Essens eine ungeheure Dynamik in der Familie initiiert. Für die Eltern und Angehörigen kann das bedeuten, dass sich allmählich die Störung auf das gesamte Interaktionsverhalten ausdehnt. Liechti beschreibt das psychotherapeutische Handeln in 4 Phasen.

Mit vielfältigen gut dokumentierten und kommentierten Fallbeispielen belebt er die theoretischen Ausführungen und schafft es keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine erfrischende, schulenübergreifende Quelle lebendigen Wissens zu präsentieren.


 

Manfred Vogt / Heinrich Dreesen (Hrsg.)
Rituale, Externalisieren und Lösungen
Interventionen in der Kurzzeittherapie
Dortmund: Borgmann 2008

 

Das gemeinsame Gestalten und Anwenden von Ritualen bietet viele Möglichkeiten sinnlich, farbenfroh und kreativ die therapeutische Praxis lebendiger zu gestalten. Die Autoren zeigen anhand von Behandlungsansätzen bei Essstörungen, Sucht, im Umgang mit Trauer und Tod, sowie Rituale zur persönlichen Gesundheitsvorsorge, welche Funktionen Rituale übernehmen können:

  • Kontinuität und Gemeinsamkeit zu fördern
  • Schutz und Kraft zu geben
  • Soziale und psychische Übergangsprozesse zu strukturieren
  • Heilung zu bewirken


Juchmann beschreibt bei essgestörten KlientInnen, wie sie im Kontext einer therapeutischen Wohngruppe systemisch-lösungsorientierte Einzugs- und Auszugsrituale gestaltet. Beyerbach zeigt bei Magersüchtigen wie die Externalisierung nach Michael White den Freiraum zwischen der Person und ihrem Problem schafft. Die anorektische Seite wird nur noch ein Teil der Person, man kann mit ihr in Beziehung treten, mit ihr kommunizieren und sie gegebenenfalls sogar entkräften.

Gerber Eggimann zeigt, wie sie mit spiel- und kunstorientierter Dezentrierung KlientInnen aus dem Problemraum hinausführt und Distanz zwischen Person und Problem schaffen kann. In ihrem Beispiel verführt sie den Klienten mit bunten Pfeifenputzern in eine alternative Realität, damit er dort Ausprobieren, und Geschehen-lassen kann, was im Moment der Prozess hergibt. Durch das Hinaustreten aus dem Problemraum, wird der Klient wieder handlungsfähig und steht nicht mehr unter dem Druck, der dazu geführt hat, dass er seine Situation nicht mehr bewältigen konnte.

Eine sehr brauchbare Sammlung von Handlungsfeldern und Beispielen, die Praktikern ein kurzweiliges Nachschlagewerk bescheren.


 

Institut für Systemische Therapie
Ana Ex
Wie die Magersucht siegt und wie sie scheitert
Wien: Carl Auer 2008, DVD 30 Min.

 

Diese kurze DVD zeigt "Ana Ex", die personifizierte Anorexie anders genannt auch Magersucht in Form einer sehr dünnen Puppe. Sie plaudert in einem Gespräch mit einer Psychotherapeutin des Instituts für Systemische Therapie aus ihrem Nähkästchen. Welchen Einfluss sie hat, wie sie die Macht im Leben Betroffener übernimmt, wie sie sie und das Umfeld verführt, aber auch gegen Ende, was ihr gar nicht behagt.

Die Methode der Externalisierung der Magersucht durch deren Personifizierung, damit man mit "ihr" – der Magersucht ins Gespräch kommen kann, ist eine hilfreiche Methode, eine Beziehung zu seinem Problem herzustellen. Nicht nur das Problem hat Einfluss auf das Leben des Menschen, sondern auch der Mensch hat Einfluss auf das Leben des Problems, in diesem Fall – Einfluss auf die Magersucht. Viele Betroffene erleben sich hilflos, ohnmächtig, die Magersucht überkommt sie. Durch die Externalisierung können sie eine Beziehung, einen inneren Dialog zu ihrem Problem entwickeln, wodurch sie wieder Gestaltungsmöglichkeiten ihres eigenen Lebens erhalten. Nicht es gestaltet sie, sie gestalten selbst. Hier wurde eine Idee des japanischen Psychiaters Yasunaga Komori aufgegriffen, der diese Methode v.a. bei Schizophrenie anwandte.

Die DVD eignet sich als Unterstützung der therapeutischen Arbeit bei Betroffenen und Angehörigen sowie in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen.


 

Inke Jochims
Zucker und Bulimie
Wie richtige Ernährung hilft, aus Bulimie und Binge Eating auszusteigen
Berlin: Hedwig 2008

 

Inke Jochims beschreibt das bulimische Verhalten als eines mit dem Ziel über die Manipulation des Blutzuckerspiegels mittels hoher Dosen von Zucker und Fett den Serotoninspiegel zu manipulieren. Ausgelöst wird dieses Verhalten durch das depressive Gefühl, das entsteht, wenn der Serotoninspiegel und der Dopaminspiegel zu niedrig werden. Deshalb diagnostizieren inzwischen so viele Ärzte einen niedrigen Serotoninspiegel und verschreiben entsprechende Medikamente.

Inke Jochims versteht es in einfachen Worten die biochemischen Vorgänge unserer Botenstoffe und ihren Einfluss auf unserer Stimmungen und unser Verhalten zu erklären. Wer einen zu niedrigen Serotoninspiegel hat, leidet unter Heißhunger auf Kohlehydrate. Serotonin wird jedoch nicht aus Kohlehydraten aufgebaut, sondern aus einer Aminosäure (Eiweißbaustein) namens Tryptophan und muss unbedingt mit der täglichen Nahrung zugeführt werden. Sie beschreibt, dass bulimische Frauen häufig von Kind an einen hohen Cortisolspiegel gewöhnt sind, der ähnlich wie ein hoher Dopaminspiegel einen euphorisierenden Effekt hat. Es ist ihnen daher ausgesprochen unangenehm, sich in Situationen zu manövrieren, die den Cortisolspiegel senken. Fatalerweise sind das aber genau die Zustände, die man braucht, um wieder gesund zu werden – nämlich Ruhe und Entspannung, Innenschau und Herunterfahren.

Der Schlüssel nach Inke Jochims um aus der Bulimie aussteigen zu können, ist eine Normalisierung des Cortisolspiegels, eine Stabilisierung des Blutzuckerspiegels und ein Anheben des Serotoninspiegels. Sie beschreibt in ihrem Kapitel: "Was kann ich tun?" Welche günstigen und ungünstigen Lebensmittel es für einen stabilen Blutzuckerspiegel gibt. Ebenso Bewegung, Entspannung und Psychohygiene. Jochims beschreibt den Suchtcharakter von Enerydrinks, die Bulimikerinnen unbedingt vermeiden sollten, da diese den Blutzuckerspiegel völlig instabil halten und gibt Anleitungen für eine Ernährungsumstellung. Kleine Übungen wie man Entspannung lernen kann runden dieses äußerst lesenswerte Buch sowohl für Experten als auch für Betroffene ab.

Sehr lesenswert!!


 

Sigrid Tschiedl / Ursula Bailer
Zum Kotzen
Wien: Verlagshaus der Ärzte 2008

 

Schon aus dem Titel geht sehr klar hervor, worum es sich handelt. Wie sich eine Essstörung, in diesem Fall eine Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) den Weg bahnt, wie sie sich eingeschlichen und immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen die Bulimie so zunehmen konnte. Eine betroffene junge Frau schreibt, wie sich die Erkrankung immer mehr in den Mittelpunkt gedrängt hat und wie schwierig es wird, diese anfangs als hilfreich wahrgenommene Angewohnheit des Erbrechens wieder los zu werden. Wie scheinbar mühelos sich die Essstörung als Helferin „anbietet“, wenn sich die Erzählerin von denen an sie gerichteten Erwartungen überfordert fühlt, bei den Eltern nicht die Zuwendung findet, nach der sie sich sehnt, sich bei der Suche nach Sinn und Identität alleine gelassen fühlt. Auf viele Fragen und Situationen der Verzweiflung und Ungewissheit scheint das „Kotzen“ befriedigende Antworten und Lösungen zu geben.

Diese sehr mutigen und persönlichen Einsichten werden durch fachkundige Erklärungen und Hinweise einer Fachärztin für Psychiatrie ergänzt. So gelingt es den Autorinnen, einen individuellen und parallel dazu einen facheinschlägigen Ein- und Überblick in den Verlauf der Ess-Brechsucht zu geben.

In ihrem Vorwort schreibt Sigrid Tschiedl, wie wichtig es wäre „hin zu schauen“. Genau dazu kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag liefern, das unvorstellbare, unfassbare und nicht verstehbare vorstellbarer, fassbarer und verstehbarer zu machen, um doch den Mut zu haben „hin zu schauen“ und vielleicht es auch „anzusprechen“.


 

Nancy Sorge / Sandra Schwarze
"Ich esse eure Suppe nicht!"
Systemische Perspektiven magersüchtigen Verhaltens
Dortmund: Borgmann 2006

 

Die beiden Autorinnen plädieren für eine Aufgabe des Krankheitsmythos "Anorexia Nervosa" und favorisieren stattdessen die systemische Sichtweise, wie z.B. bei Anorexia nervosa von einer "Familienlösung" zu sprechen. Ein weiteres Ziel des Buches besteht darin zu zeigen, wie mit Hilfe systemischen Denkens, Sichtweisen verflüssigt und verändert werden können.

Sehr eindrücklich beschreiben die AutorInnen Anorexia nervosa als Lösungsversuch Veränderungen der Beziehungs- und Interaktionsstrukturen zu artikulieren, denn sie als Krankheit zu klassifizieren. Welchen Nutzen hat das Symptom für das System, für die Familie? Welche familiären Atmosphären fördern eine Entwicklung zur Anorexia nervosa? Welches Beziehungsdilemma ist prädestiniert zur Symptomentwicklung?

Sorge und Schwarze haben hier sowohl für Fachleute, als auch Betroffene zur Entpathologisierung beigetragen, indem sie den Aspekt der Funktion und des Nutzens des Symptoms für das jeweilige System praxisrelevant, brauchbar und lesbar darlegten.


 

Verena Bergunde
Satte Lebensart
Hungern macht dick und Leben macht satt Oder: ... wie ich es schaffen kann, meine Kräfte zu nähren und zu einen
Dortmund: Borgmann 2004

 

Wenn übergewichtige Menschen etwas können, dann ist es essen. Sie beherrschen die Kunst des "Erleichterungsessen". Wenn man ihnen eine sinnvolle Dienstleistung anbieten sollte, dann die, zu helfen, auch andere Konfliktlösungsmöglichkeiten zuzulassen, um sich und das Essen von dieser Aufgabe zu entlasten.

Bergunde richtet dieses Buch auch direkt an die Betroffenen und fordert sie auf, Hungerfallen zu entschlüsseln und Lösungsmöglichkeiten zur Sättigung selbst zu entdecken. Es ist wie ein kleines Arbeits- und Anregungsbuch gestaltet, wo die Autorin fragen stellt zur Selbstreflexion, und Hinweise gibt zum Energieaufbau für Kraftquellen und Krafträuber. Bergunde verzichtet jedoch ganz bewusst auf Kochrezepte und Anleitungen, wie Betroffene ihren Ernährungsalltag gestalten können, sondern versucht die Kraft des Vertrauens in den Körper, der Intelligenz und der psychischen Befindlichkeit zu stärken, indem sie ihren LeserInnen die Wahl lässt, was zu ihrem eigenen Alltag passt.

Für Betroffene, die keine dicken theorielastigen Schmöker, sondern kompakte, auf knapp 100 Seiten pointierte Selbsthilfeanregungen suchen.


 

Wolfgang Herzog / Dietrich Munz / Horst Kächele (Hrsg.)
Essstörungen
Therapieführer und psychodynamische Behandlungskonzepte
Stuttgart: Schattauer 2004, 2. Aufl.

 

Neben umfassenden Informationen zur psychotherapeutischen Behandlung gibt es Ärzten und Beratern Hilfestellungen bei der Entscheidung für eine gezielte Therapieempfehlung. Entstanden ist dieses Buch aus einem Forschungsprojekt, welches auf Initiative der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart mit 43 beteiligten Kliniken durchgeführt wurde.

Neben der Einführung in die verschiedenen Krankheitsbilder, werden ausgehend vom Gesamtbehandlungsplan einzelne Therapieelemente differenziert erläutert, dabei werden auch ambulanten und teilstationäre Konzepte berücksichtigt. Im Therapieführer werden Kliniken mit psychodynamischem Konzept vorgestellt.

Eine sehr brauchbare Zusammenstellung für alle Professionen, die mit EssstörungspatientInnen arbeiten.


 

Frederike Jacob
ESS Störungen
Lösungsorientiert überwinden
Dortmund: Borgmann 2003

 

Praktisches Vorgehen in lösungsorientierter Begleitung bei KlientInnen mit Essstörungen wird in diesem Buch anschaulich geschildert.

Steve de Shazers und Insoo Kim Bergs Vermächtnis des kurzzeittherapeutisch-lösungsorientierten Ansatzes wird hier Rechnung getragen. Das Warum einer Essstörung steht hier nicht im Vordergrund, sondern wie sich KlientInnen eine Zukunft vorstellen, in der ihr Problem verschwunden ist oder sie besser damit umgehen können. Von der Externalisierung über die Erarbeitung der Ausnahmen, der Zielerarbeitung und dem gnadenlosen Wertschätzen der noch so kleinen Fortschritte ermöglicht es Betroffenen in kurzer Zeit mit ihrer Situation hoffnungsvoller umzugehen.

Für systemische Fachleute in Beratung und Therapie viel Bekanntes gut lesbar mit Fallbeispielen aufbereitet, nicht unbedingt ein Buch für Betroffene.


 

Monika Schimpf
Selbstheilung von Essstörungen für langjährig Betroffene
Ein Arbeitsbuch
Dortmund: Borgmann 1999, 4. Aufl.

 

Im Zugang zu diesem Buch schreibt Schimpf, für wen sie dieses Buch geschrieben hat: Frau zwischen 20 und 35, wegen der Essgeschichten schon viel Stress erlebt, allein lebend, um endlich Ruhe zu haben, schon viel ausprobiert die Essprobleme in den Griff zu bekommen, dennoch immer ratlos.

In 28 Kapiteln und 55 Übungen versucht Schimpf Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten in Form eines Arbeitsbuches mit viel Platz für Aufzeichnungen, ohne jedoch zu empfehlen, alles brav abzuarbeiten.

Bei chronifizierten Essstörungen ist dieses Buch sicherlich keine Alternative zu einer professionellen Behandlung, doch sicherlich ein guter Einstieg oder eine hervorragende Ergänzung.