Häufige Fragen zu Essstörungen


Hier finden Sie Informationen sowie Zahlen und Fakten zum Thema Essstörungen

Was ist der BMI?

Der Body-Mass-Index (BMI) ist eine Maßzahl für das Körpergewicht eines Menschen im Verhältnis zu seiner Größe.

Der BMI lässt sich folgendermaßen berechnen: Gewicht in Kilogramm dividiert durch Körpergröße in Metern zum Quadrat.

Bei der Interpretation des BMI spielt das Alter eine wesentliche Rolle. Bei Kindern und Jugendlichen muss vor allem der klinische Allgemeinzustand beachtet werden.

Bei Erwachsenen besteht bei einem BMI von 17,5 oder darunter der Verdacht auf Magersucht. Dieses Maß gibt allerdings nur einen groben Richtwert an. Die Statur eines Menschen und die individuell unterschiedliche Zusammensetzung des Körpergewichts aus Fett- und Muskelgewebe kann im BMI nicht berücksichtigt werden.

Woher kommen die Wörter Bulimie / Anorexie?

Woher kommt das Wort Bulimie?

Der Begriff Bulimie kommt aus dem Griechischen boulimía und heißt wörtlich übersetzt „der Ochsenhunger“.

Woher kommt das Wort Anorexie?

Der Begriff Anorexie kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Appetitlosigkeit. Damit trifft der Begriff nicht auf das Krankheitsbild zu, da Personen, die an Magersucht erkrankt sind, nicht an Appetitlosigkeit leiden. Im Gegenteil, ihre Gedanken werden vom Essen beherrscht. Trotzdem hat sich der Begriff durchgesetzt.

Was sind mögliche Ursachen und Einflussfaktoren?

Essstörungen können als Sprachrohr für einen tiefer liegenden, psychischen Konflikt angesehen werden. Der Ausbruch der Krankheit beruht dabei nie auf einer alleinigen Ursache. Viel eher kann man von einem komplexen Ursachengeflecht ausgehen, das zu Essstörungen führt.

Prädispositionierende Persönlichkeitsmerkmale
Personen mit Essstörungen stellen oft hohe Ansprüche an sich selbst. Perfektion wird groß geschrieben, Kritik von außen wirft die PatientInnen schnell aus der Bahn. Sie haben ein hohes Harmoniebedürfnis und wollen alle um sich herum zufrieden stellen – Konflikten gehen sie gerne aus dem Weg. Nahezu alle Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl und ein mangelhaft ausgeprägtes Körpergefühl gemein.

Soziale Faktoren und Schönheitsideale
Das gängige Schönheitsideal stellt mit Sicherheit einen Risikofaktor dar, kann aber nicht als alleinige Ursache festgehalten werden. Irrationale und medial propagierte Schönheitsideale erschweren vor allem Jugendlichen, das geänderte Körperbild in ihr neu zu entwickelndes Identitätsverständnis zu integrieren. Sprich: Wenn Jugendliche lernen, dass Attraktivität und Anerkennung an bestimmte Körperideale geknüpft ist, werden sie diese Standards auch in ihr Selbstschema initialisieren. Durch die Kontrolle über den eigenen Körper versuchen sie ihr labiles Selbstwertgefühl und die Unzufriedenheit mit dem Äußeren wettzumachen. Die auf diese Weise initiierten  Diäten bekommen in Folge eine nicht zu stoppende Eigendynamik an und können insofern als wesentliche Eintrittspforten in eine Essstörung angesehen werden. 

Besonders alarmierend ist, dass bereits unter 10 Jährige die Kluft zwischen Ist und Soll als bedrückend wahrnehmen, was dazu führt, dass sie ihren Körper als zu dick wahrnehmen und mit Diäten beginnen. Identitätsprobleme in dieser Zeit verschärfen die Problematik zusätzlich.

Familiäre Einflussfaktoren
Wirft man einen Blick auf die Herkunft, so fällt auf, dass Essstörungen oft in Familien gedeihen, die nach außen zu „perfekt“ wirken. Der Schein trügt aber, denn nicht selten werden Konflikte zugunsten einer erzwungenen Harmonie „unter den Teppich gekehrt“. Häufig müssen die Betroffenen schon im Kindesalter Verantwortung übernehmen. Stärke, Leistung und Selbstbeherrschung, sprich ein Nichtzugstehen von Schwäche werden dabei überidealisiert.

Auch traumatische Erfahrungen, mangelnde innerfamiliäre Abgrenzung, überfürsorglicher Erziehungsstil, oder familiäre emotionale Disharmonie, sowie psychische oder physische Gewalterfahrung in der Familie können Auslöser für Essstörungen und andere psychische Erkrankungen bei jungen Menschen  sein.  Die Eltern-Kind Interaktion und die Bindungsstruktur sind wichtige Bausteine für die Entwicklung jedes Menschen. 

Bei der Bindung handelt es sich um eine lang andauernde, gefühlsbetonte Beziehung zu einem bestimmten Menschen, der sogenannten Bindungsperson, von der wir Schutz und Unterstützung erwarten. Essgestörte Patientinnen sind demnach signifikant häufiger unsicher-ambivalent gebunden. Menschen mit einem unsicher-ambivalenten (verstrickten) Bindungsstil, empfinden eine starke Unsicherheit gegenüber anderen Menschen.

Sie fokussieren ihre Aufmerksamkeit deshalb nicht mehr nach Innen, sondern zum Gegenüber hin, um zu Erfühlen, was der Andere wünscht und erwartet und um sich diesen Erwartungen dann optimal anzupassen. Im Rahmen dieses Musters verschlechtert sich die Wahrnehmungsfähigkeit in Bezug auf die eigenen Emotionen der Betroffenen über die Zeit immer mehr; das „falsche Selbst“ gewinnt zunehmend die Kontrolle.

Ist sexueller Missbrauch immer ein Thema?
Schnelldiagnosen oder Umkehrschlüsse wie „eine Essstörung ist ein versteckter Hinweis auf eine Misshandlung in der Kindheit“ sollten prinzipiell vermieden werden. Denn es gibt viele KlientInnen, die keinerlei Hinweise auf Misshandlungen aufweisen und dennoch eine Essstörung entwickeln.

Sicherlich haben wir auch viele KlientInnen, wo Misshandlungen, manchmal auch sehr schwerwiegende Formen leider einen Teil der Biographie darstellen.

Biologische Einflussfaktoren
Molekulargenetische Untersuchungen haben ergeben, dass auch anlagebedingte Faktoren zur Entstehung einer Magersucht beitragen können. Anhand von Familien- und Zwillingsstudien konnte gezeigt werden, dass Verwandte von Betroffenen mit Magersucht ein deutlich erhöhtes Risiko haben, ebenfalls eine Magersucht zu entwickeln. Dieses Risiko steigt je enger der Verwandtschaftsgrad ist. Es wird vermutet, dass verschiedene Gene in Kombination prädispositionierend wirken.

Auch biologische Einflussfaktoren könnten an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Magersucht mitwirken. So misst man speziell Auffälligkeiten der Neurotransmittersysteme eine ursachlich in Zusammenhang stehende Bedeutung bei. Konkret ist es so, dass unterschiedliche Botenstoffe auf das Esszentrum im Gehirn einwirken. Zwei dieser Botenstoffe sind Dopamin und Seratonin. Beide Neurotransmitter haben nicht nur einen Einfluss auf Stimmung und Affekte, sondern auch auf den Hunger-Sättigungsmechanismus. Bei Menschen mit Essstörungen lässt sich häufig ein erniedrigter Serotonin- und Dopaminspiegel feststellen.

Diäten
Vielen Essstörungen geht häufig eine Diät voraus, die ab einem bestimmten Zeitpunkt außer Kontrolle gerät und eine Eigendynamik annimmt. Speziell dann, wenn sich die Gedanken nur mehr um das Essen und Nicht-Essen drehen, ist Vorsicht geboten.

Welche Warnsignale deuten auf eine Essstörung hin?

Folgende Verhaltensweisen können auf eine beginnende Essstörung hindeuten:

  • ständiges Wiegen und akribisches Kalorienzählen
  • der Betroffene findet sich ständig zu dick und lehnt den Körper ab, obwohl ihn andere zu dünn finden
  •  Nörgerln über bestimmte Körperteile (zu kurze Beine, zu dicken Bauch, zu breite Hüften, zu schmalen Oberkörper)
  • Abführmittelpackungen, Appetitzügler entwässernde Medikamente und andere Mittel zum Abnehmen werden gekauft
  •  im fortgeschrittenen Stadium Ausbleiben von mindestens 3 Menstruationszyklen
  • übermäßiges Lernen, hohe Leistungsorientierung und übertriebener Perfektionismus
  • soziale Isolation
  • große Nahrungsmengen verschwinden aus den Kühlschrank
  • Horten von Lebensmittel in Jugendzimmer (Kleiderschrank), leere Lebensmittelpackungen liegen herum
  • Verzehr großer Mengen an Süßigkeiten
  • Toilette wird oft besetzt auch in der Nacht, Verschmutzungen oder der Geruch nach Erbrochenem ist bemerkbar, Brechgeräusche werden durch Spülung oder Dusche überdeckt.
  • Körper wird in überweiter Kleidung versteckt
  • Bei Frust, Stress, Ärger wird gegessen, Ausdruck über eigene Gefühle schwierig – Vermeidung von Konflikten – eigene Bedürfnisse können kaum artikuliert werden
  • Große Verlust- und Trennungsängste
  • hohe Erwartungshaltung an sich selbst – Selbstverleugnungs-, Selbstentwertungstendenzen bis hin zum Selbsthass
  • Übermäßiges Treiben von Sport, nicht weil es Spaß macht, sondern um abzunehmen, zu jeder Tages- und Nachtzeit oder Wetterlage
  • Körperliche Veränderungen sind zu sehen. Geschwollene Speicheldrüsen und Verletzungen im Mundwinkelbereich oder auf den Fingern können auf Erbrechen hinweisen
  • Schäden an den Zähnen – Magensäure zerstört den Zahnschmelz
  • Kalium und Natriummangel durch entwässernde Medikamente können im Extremfall zu Herzrhythmusstörungen oder Nierenschäden führen
  • Mangelndes Selbstvertrauen und ständige Selbstzweifel können zu Depressionen oder Angststörungen führen
  • Übermäßiges Waschen oder andere Kontrollzwänge sind beobachtbar
  • Schwarz-weiß Denken im Vordergrund
  • Impulsives, unkontrolliertes oft auch aggressives Verhalten beobachtbar. Dieses außert sich manchmal in Wutausbrüchen
  • Selbstverletzungen (Ritzen, Schneiden, Kratzen, exzessives Nägelkauen sind verweifelte Versuche sich zu spüren)
  • Missbrauch von Alkohol, Tabletten und Drogen
  • Ladendiebstählen – dabei werden in der Mehrzahl Nahrungsmittel gestohlen

Ich habe den Verdacht, dass eine Person aus meinem Umfeld eine Essstörung hat.

  • Interesse: Fragen Sie, wie es der/dem Betroffenen geht! Das ist wesentlicher, als über Essen, Gewicht oder Figur zu sprechen. Reduzieren Sie die Betroffene/den Betroffenen nicht auf die Essstörung, sondern nehmen Sie sie/ihn in allen Beziehungen ernst. Es verletzt sie/ihn, wenn Sie sich nur noch für ihr/sein Esssverhalten bzw. Gewicht interessieren.

  • Information: Informieren sie sich selbst über Essstörungen und wie sie auftreten können.

  • Verständnis: Die/Der Betroffene kann einfach nicht mehr normal essen. Versuchen Sie daher nicht, mit aller Macht die Betroffene/den Betroffenen zum Essen zu bringen.

  • Persönliches Gespräch suchen: Direkt mit der/dem Betroffenen selber zu sprechen ist sinnvoller, als mit anderen über sie/ihn zu reden.

  • Sachliche Konfrontation: Sprechen Sie sachlich aus, was sie beobachtet haben und welchen Verdacht sie haben (Beschreiben der beobachteten Verhaltensweise).

  • Ich-Perspektive: Bleiben Sie in der Ich-Form ("Ich habe den Eindruck, es geht dir nicht gut ..."). Dadurch fühlt sich die/der Betroffene nicht gleich in die Enge getrieben und kann leichter sagen, dass wirklich etwas nicht stimmt.

  • Respektvoller Umgang: Behandeln Sie die Betroffene/den Betroffenen nicht wie ein rohes Ei, sondern wie einen normalen Menschen.

  • Unterstützung: Es ist für die Betroffene/den Betroffenen selbst meist sehr schwer einzusehen, dass sie/er schwer krank ist und Hilfe braucht. Die Bereitschaft, Hilfe und Unterstützung anzunehmen oder eine Therapie anzufangen, ist ein Zeichen von Mut und Stärke und keine Schwäche. Unterstützen sie die/den Betroffenen dabei und ermutigen sie ihn.

  • Selbsthilfe: Holen Sie sich selbst Hilfe und Unterstützung in dieser schwierigen Situation.

Gibt es Zahlen zur Häufigkeit von Körperunzufriedenheit und Diäten?

Fragt man Jugendliche nach ihren Sorgen, wird das eigene Körperbild an erster Stelle genannt. Stress, Schule oder familiäre Beziehungen kommen erst danach. Laut einer australischen Studie, an der über 50.000 Jugendliche teilnahmen, reihten 50 Prozent der Mädchen und 27 Prozent der Burschen die Sorge um ihr Körperbild an erster Stelle.  (1)

Jedes zweite Mädchen fühlt sich zu dick

In Österreich sind die Ergebnisse zur Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körper nicht weniger besorgniserregend: Laut HBSC-Studie der WHO 2014 gaben 51 Prozent der österreichischen Mädchen im Alter von 15 Jahren an, sie seien zu dick, obwohl nur 12 Prozent laut Body-Mass-Index als übergewichtig oder adipös eingestuft wurden. 24 Prozent (also fast ein Viertel der Befragten) hielten zum Zeitpunkt der Befragung Diät. 

In Wien wurden 2012 insgesamt 737 Schülerinnen und 592 Schüler mit folgenden Ergebnissen befragt:

  • 1/3 der Schülerinnen und 14.5% der Schüler hatten starke oder sehr starke Angst vor einer Gewichtszunahme
  • 3?4 der Schülerinnen und 1/3 der Schüler möchten sehr dünn sein?
  • 31.5 Prozent der Schülerinnen und 17.5% der Schüler gaben an mindestens einmal in ihrem Leben einen Diätversuch gestartet zu haben?
  • 5% der Schülerinnen und 3% der Schüler gaben an, bereits in einer Therapie wegen Essstörungen gewesen zu sein. (2)

Risiko für Essstörungen: 30,9% der Mädchen und 14,6% der Burschen sind gefährdet

5 Fragen zum eigenen Essverhalten bildeten die Basis für eine Studie der MedUni Wien, dem Ludwig-Boltzmann-Institut und der Porsche Fern-FH 2015. 
Auf Fragen wie „fühlst du dich zu dick, während andere dich zu dünn finden?“ oder „würdest du sagen, dass Essen dein Leben beeinflusst?“ antworteten jedes dritte Mädchen und jeder siebente Bursch der insgesamt 3610 befragten Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren mehr als zwei Mal mit Ja. Ein Hinweis für ein erhöhtes Risiko für Essstörungen. Auffallend war die Häufung an bejahten Antworten bei den stärker übergewichtigen Mädchen, wo jede Zweite mehr als zwei Mal zustimmte. (3)

Quellen: (1) Mission Australia (2010). National survey of young australians 2010. https://www.missionaustralia.com.au/what- we-do-to-help-new/young people/understanding-young-people/annual-youth-survey. Download am 14.4.2014 ?
(2) Ramelow D., Teutsch F., Hofmann F., Felder-Puig R. (2015, Hrsg.). Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülern und Schülerinnen. Ergebnisse des WHO-HBSC-Survey 2014. Wien: Bundesministerium für Gesundheit, Sektion III. ?
(3)    Zeiler, M., Waldherr, K., Philipp, J., Nitsch, M., Dür, W., Karwautz, A & Wagner, G. (2015). Prevalence of Eating Disorder Risk and Associations with Health-related Quality of Life: Results from a Large School-based Population Screening. European Eating Disorders Review, DOI: 10.1002/erv.2368

Wie verbreitet sind Essstörungen?

Essstörungen treten vor allem bei jungen Frauen auf. Der Frauenanteil an Betroffenen liegt etwa 90 bis 97 %. Etwa 30 % aller Mädchen in Österreich zeigen ein kritisches Essverhalten, gut die Hälfte davon ist untergewichtig. Insgesamt geht man davon aus, dass über 200.000 ÖsterreicherInnen zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken. (1)

Von Magersucht und Bulimie sind vor allem Mädchen und Frauen betroffen. Zieht man aus internationalen Studien einen Durchschnittswert heran, dürfte die Häufigkeit an einer Magersucht zu einem bestimmten Zeitpunkt im Risikoalter zwischen 15 und 34 Jahren bei etwa 0,4 Prozent liegen. Die Häufigkeit von Bulimie wird auf 1 Prozent geschätzt. Die Gruppe der nicht näher bezeichneten Essstörungen macht 2-5 Prozent aus. (2)

Bis zu 5 Prozent der Allgemeinbevölkerung sind von einer Esssucht betroffen. (3)

In welchem Alter kommen Essstörungen besonders häufig vor?

Während Magersucht im Durchschnitt mit 16 oder 17 Jahren beginnt, liegt der Beginn der Essbrechsucht bei etwa 19 Jahren. (4)

Sind Essstörungen eine reine Frauenkrankheit oder sind auch Männer betroffen?

Von Magersucht und Essbrechsucht sind vorwiegend Frauen betroffen. Nur 1-10% der Betroffenen sind Männer. (5) Bei der Esssucht beträgt das Geschlechterverhältnis 50:50 (6) Männer erkranken durchschnittlich später an Essstörungen. Während bei Mädchen eine Essstörung zwischen 14 und 18 Jahren beginnt, tritt sie bei Männern häufig erst zwischen 18 und 26 Jahren auf. Während bei Frauen oft Diäten den Weg in eine Essstörung ebnen, stellt bei Männern häufig exzessives Körpertraining den  Einstieg in die Essstörung dar.

Quellen: (1) Statistik Austria / Österreichischer Frauengesundheitsbericht
(2) Aus: Adipositas und Essstörungen im Brennpunkt – Eine Auseinandersetzung von Wirtschaft und Gesellschaft auf Kinder und Jugendliche / Wiener Programm für Frauengesundheit unter der Leitung von Univ.Profin Drin Beate Wimmer-Puchinger, Nov. 2015
(3) de Zwaan, M., Herpertz, S., Zipfel, S., Tuschen-Caffier, B., Friederich, H.-C., Schmidt, F., Gefeller, O., Mayr, A., Lam, T., Schade-Brittinger, C., Hilbert, A. (2012: internet-based guided self-help for overweight and obese patients with full or subsyndromal binge eating disorder. A multicenter randomized controlled trial. Trials, 13, 220
http://www.trialsjournal.com/content/13/1/220)
(4) Gratacòs, M., Escaramís, G., Bustamante, M., Saus, E., Agüera, Z., Bayés, M., et al. (2010). Role of the neurotrophin network in eating disorders’ subphenotypes: Body mass index and age of onset of the disease. Journal of Psychiatric Research, 44, 834-840.
(5) Krüger et al. (2001). Essstörungen und Adipositas: Epidemiologie – Diagnostik – Verläufe. In: Reich, G. & Cierpka, M. (Hrsg.): Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Thieme: Stuttgart.
(6) - Lindblad, R. & Lindberg, H.A. (2006). Anorexia Nervosa in Young Men. International Journal of Eating Disorders
- Berger, U. (2008).Essstörungen wirkungsvoll vorbeugen. Die Programme PriMa, TOPP und Torera zur Primärprävention von magersucht, Bulimie, Fress-Attacken und Adipositas. Verlag W. Kohlhammer, 21-40)

Wie verlaufen Essstörungen?

Als wissenschaftlich belegbare Risikofaktoren für die Entstehung einer Essstörungen sind zu nennen:

  • Weibliches Geschlecht
  • Gewichtssorgen
  • ein negatives Körperbild
  • häufige Diäten
  • geringe soziale Unterstützung

Essstörungen entwickeln sich meist „schleichend“
Im Vorfeld stehen häufig Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht und Diäten, die Übergänge von sog. subsyndromalen Essstörungen. (Das bedeutet: es werden nicht alle Kriterien für die Diagnose einer klinischen Essstörung erfüllt) zu manifesten Essstörungen sind fließend. Man kann davon ausgehen, dass bis zu 13% aller jungen Frauen eine subsyndromale Essstörung haben. In Wien dürften über 2.000 Mädchen und rund 100 Burschen ein hohes Risiko haben, an Anorexie oder Bulimie zu erkranken. Im Schnitt wenden sich Betroffene erst sechs Jahre nach dem Beginn einer Erkrankung erstmals an eine fachspezifische Einrichtung.

Ineinander übergehende Essstörungen 
Bei 15–25% der Mädchen und Frauen mit Bulimie lässt sich in der Vorgeschichte eine Anorexie erheben, bei 60% der von Anorexie Betroffenen ist ein Übergang in die Bulimie zu beobachten.

1. Verlauf bei Anorexie

Mit der Dauer der Anorexie steigt der Anteil jener, die vollständig genesen, aber es steigt auch der Anteil jener, die an den Folgen der Erkrankung sterben.

Mehr als 10 Jahre nach Diagnosestellung sind 73,2% vollständig genesen, bei 8,5% lässt sich eine Verbesserung in der Symptomatik feststellen und bei 13,7% kommt es zu einer Chronifizierung. Immerhin 9,4% sterben an den Folgen der Erkrankung.

Eine weitere langfristige Studie in Deutschland weist 21 Jahre nach der Erstbehandlung bei 50,6% eine vollständige Genesung, bei 20,8% eine Verbesserung der Symptomatik, bei 10,4% eine Chronifizierung und bei 14,3% einen tödlichen Ausgang der Erkrankung nach

Eine frühzeitige Behandlungsaufnahme in einer spezialisierten Einrichtung, eine restriktive Anorexie sowie geringe psychosoziale Einschränkungen wirken sich günstig auf den Krankheitsverlauf aus. Der Krankheitsverlauf wird weiters vom Ausgangsgewicht und der Gewichtsentwicklung während einer initialen stationären Aufenthaltsphase beeinflusst.

2. Verlauf bei Bulimie

Langfristig kommt es bei 50–60% der Betroffenen zu einer vollständigen Genesung bzw. Spontanremission, bei 20–30% zu einer deutlichen Verbesserung. Zu einer Chronifizierung der Bulimie kommt es bei 20%. Verglichen mit Anorexie ist die Sterberate mit 0,5% deutlich geringer. Die Krankheitseinsicht der Betroffenen erfolgt im Durchschnitt erst nach sieben Jahren.

Chronifizierung der Bulimie, stark ausgeprägte Symptomatik, eine familiäre Vorgeschichte an Depression und Alkoholismus, sexueller Missbrauch, Persönlichkeitsstörungen, Therapieabbrüche und wiederholte fehlgeschlagene Vorbehandlungen gehen mit ungünstigeren Krankheitsverläufen einher.

3. Verlauf einer Binge Eating Disorder

Bei der Binge Eating Disorder handelt es sich um eine komplexe Essstörung, Langzeituntersuchungen über den Verlauf liegen nicht vor. Die typischen Verläufe lassen sich deshalb nur sehr allgemein beschreiben. Der Verlauf ist fluktuierend, Spontanremissionen dürften häufiger vorkommen als bei den anderen Essstörungen .

Ein Jahr nach dem ersten Auftreten eines Essanfalls leiden ca. 30–50% nicht mehr darunter, fünf Jahre nach Erstauftreten haben ca. 85% keine Binge Eating Disorder mehr. Liegt zusätzlich zur Binge Eating Disorder Übergewicht vor, geht diese mit einer häufig frühen Übergewichtsentwicklung einher.

(Quellen: Steinhausen, H.-C. (2002). The Outcome of Anorexia Nervosa in the 20th Century. American Journal of Psychiatry, 159 (8). 1284-1293.
Toman, E. (2002). Bulimie und das Unverdaubare. Berner Schriftenreihe.
Munsch, S. (2003). Binge Eating Disorder. Kognitive Verhaltenstherapie bei Essanfällen. Beltz Verlag: Weinheim
Krüger, C. (2001). Binge Eating und Binge Eating Störung. In: Reich, G. & Cierpka, M. (Hrsg.): Psychotherapie der Essstörungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Thieme: Stuttgart.)


Was ist der erste Schritt zur Heilung?

Was ist der erste Schritt zur Heilung?

Der erste Schritt zur Heilung ist die Anerkennung dieser Krankheit für sich selbst, das Zugeben, das sich selbst eingestehen, dass man krank ist und dringend Hilfe benötigt. Meist gelingt es den Betroffenen von alleine nicht, diese Erkenntnis zu gewinnen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass Angehörige oder nahestehende Freunde helfend zur Seite stehen, sich die nötigen Informationen beschaffen, sich beraten lassen. Einem Menschen zu helfen, der an dieser Essstörung leidet erfordert viel Feinspitzengefühl. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Nur gemeinsam in intensiver Zusammenarbeit von ÄrztInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, Eltern und Jugendlichen lassen sich Wege aus der Essstörung finden.

Essstörungsbetroffene sollten professionelle Hilfe in spezialisierten Einrichtungen suchen, die sowohl psychotherapeutische als auch medizinische Begleitung in Kombination anbieten können, wie es das Institut sowhat  im ambulanten Setting seit über 20 Jahren auf Kassenkosten anbieten kann. Da die Auswirkungen auf der psychischen, körperlichen und sozialen Ebene vielfältig sind ist ein multimodaler Ansatz, der mehrerer Behandlungsstrategien integriert notwendig. Weil Betroffene oft keine Krankheitseinsicht zeigen und sich gegenüber therapeutischen Maßnahmen ablehnend verhalten können Therapien langwierige Verläufe haben. Wenn ambulante Maßnahmen keinen Erfolg bringen und/oder kritisches Untergewicht besteht, ist eine (teil-)stationäre Behandlung erforderlich.

Der Behandlungsrahmen und das Behandlungssetting von sowhat berücksichtigen die gesetzlichen Regelungen in der Betreuung von Minderjährigen sowie die zentrale Bedeutung der Familie für Kinder, indem die Eltern von Anfang an in die Behandlung miteinbezogen werden. Deren aktive Teilnahme stellt einen wünschenswerten Baustein  für die Aufnahme und der weiteren Behandlung dar. Neben der Familie spielt vor allem bei Jugendlichen ab dem 14. Lebensjahr die Gemeinschaft von Gleichaltrigen (Peers) eine zentrale Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung. Daher sieht das Konzept neben der Einzeltherapie Gruppentherapie für das Kind vor, allerdings erst nachdem in der Familientherapie bzw. der Einzeltherapie die Situation stabilisiert wurde.

Jugendliche ab 14 Jahren können auch anonym ohne das Wissen ihrer Eltern zur Behandlung kommen. Dennoch sensibilisieren wir dafür, dass es hilfreich wäre, das persönliche Bezugssystem in die Begleitung zu integrieren.