05.07.2016 | Pressetexte

Veganismus und Essstörungen


Meist wird ein Aspekt veganer Ernährung vernachlässigt: die markante Ähnlichkeit der Dynamik von Essstörungen mit dem Umgang mit Veganismus bei Frauen. Vegane Ernährung ist grundsätzlich nicht gesünder als eine fleischarme Mischkost mit viel frischem Gemüse und Obst und möglichst unverarbeiteten Produkten. Es kommt auf die Menge an und auch auf einen gesunden Lebensstil, die Form der Arbeit und die Einbindung in das soziale Umfeld.

Die amerikanische Sozialpsychologin Lierre Keith, die 20 Jahre vegan lebte, berichtete wie vegane Ernährung sie krank machte, sie sich das jedoch lange nicht eingestehen konnte. Keith schreibt, sie habe sich nach ihrer Heilung in den Überlebensberichten von Essgestörten "weit mehr wiedererkannt", als ihr lieb war. Mit Bulimikerinnen und Magersüchtigen einte sie außer dem Nährstoffmangel vor allem die Angst vor falschem Essen.

System in die Ernährung bringen
Essstörungen sind immer auch ein Versuch ein System in die eigene Ernährung zu bringen. Wenn das Gefühl für sich selbst so wenig vorhanden ist, dass ein simples 'ich habe Hunger - ich esse' nicht mehr funktionieren kann, dann bietet eine Essstörung eine alternative Orientierung. Das können gezählte Kalorien sein, das Erbrechen der Nahrung oder der Versuch einfach jeden Tag das gleiche zu essen - in jedem Fall bietet das System Halt. Vegane Ernährung erfüllt die selben Kriterien, auch sie bietet Halt und Orientierung, macht das Angebot sich mit dem Essen wohl zu fühlen, weil klar ist welche Nahrungsmittel gegessen werden dürfen und welche nicht.

Nähstoffmangel
Man kann grundsätzlich nicht zu einer veganen Ernährung übergehen, indem man Tierprodukte einfach nur weglässt, sondern muss die Nährstoffe der tierischen Produkte ausgleichen. Vor allem sollte man dem Vitamin B12 Mangel ausgleichen, der sich u.a. mit Kribbeln in den Armen anzeigt, durch Zahn- oder Haarausfall, oder durch Ausbleiben der Regel sichtbar wird.

Führt vegane Ernährung in eine Essstörung?
Weder führt vegane Ernährung automatisch zu gestörtem Essverhalten noch werden alle, für die Essen in irgendeiner Form ein Problem darstellt vegan. Es geht hier mehr um die ähnliche Dynamik, wie essgestörte Frauen mit Nahrung umgehen, die oft dem Umgang veganer Frauen mit Nahrung gleicht.

Vegane Ernährung als Ersatzdroge für Essstörung
Ein Besuch in veganen Foren bestätigt unseren Verdacht. Wer dort unter „vegan + Essstörung“ sucht, findet viele Einträge in denen Frauen von ihrer persönlichen Geschichte berichten - von der 15jährigen die denkt, dass sie sich wenn sie vegan essen würde, vielleicht auch ohne Erbrechen 'rein' fühlen könnte - bis hin zu vielen Frauen, die davon erzählen, wie Veganismus eine Ersatzdroge für ihre Essstörung wurde.

Wenn aus einem 'das mag ich nicht essen' ein 'das kann ich nicht essen' wird
„Ich finde Fleisch, Milch und Fett einfach grauslich" hören wir oft junge Menschen sagen. Auch hier liegt eine  Parallele: Auch anorektische oder bulimische Frauen finden Fett grauslich. Sie ekeln sich vor dicken Kuchenglasuren, Fettaugen auf der Suppe und cremigen Desserts und sind gleichzeitig fasziniert davon. Niemand kennt so viele tierische Produkte wie Vegane, niemand kann so gut Kalorientabellen erstellen wie essgestörte Frauen. Es ist nicht ungesund manche Lebensmittel nicht essen zu wollen - aber es ist problematisch viele Lebensmittel nicht essen zu dürfen. Wenn aus einem 'das mag ich nicht essen' ein 'das kann ich nicht essen' wird, dann wird aus einer selbst gewählten Entscheidung ein Zwang - und Zwängen sind Frauen auch im Bezug auf Ernährung schon genug ausgesetzt.

Alles kreist nur noch ums Essen
Frauen, die Erfahrungen mit Essstörungen haben, wissen wie es ist, wenn die ganze Aufmerksamkeit nur mehr ums Essen kreist, wenn die erste und die letzte Frage an jedem Tag die ist, was heute zu sich genommen werden darf, wenn in all dem Nebel kein Platz ist für andere Fragen des Lebens. Wenn die Essstörung die Lösung für fast alles ist.

Veganes Essen als Kanalisierung der Essstörung

Für manche scheint vegan zu essen allerdings auch eine Art Kanalisierung ihrer Essstörung darzustellen. Wenn durch den Verzicht auf tierische Produkte die Grenzen klar genug abgesteckt sind, dann ist es manchmal möglich innerhalb dieses Feldes wieder besser für sich zu sorgen, sich darum zu kümmern dass der Körper genug Nahrung bekommt und sich etwas Gutes zu tun.

Als Veganismus ausgelebte Essstörungen
Vegane Ernährung kann zwar helfen die Essstörung in den Griff zu bekommen, sie macht sie jedoch gleichzeitig noch komplizierter, die Essstörung zu thematisieren. Frauen mit Essstörungen werden mit ihrer Krankheit oft allein gelassen, Verwandte oder FreundInnen spielen beim Versteckspiel häufig mit und ermöglichen damit, dass die Krankheit in einer Art Doppelleben ausgelebt wird. Als Veganismus ausgelebte Essstörungen machen es für betroffene Frauen noch schwieriger Hilfe zu bekommen. Augenscheinlich scheinen sie sich ja nur fleischlos ernähren zu wollen. Eigene schmerzende Psychodynamiken verstecken sich hinter der Ablehnung Tiere töten zu wollen. Niemand ahnt die Spannungszustände, die die ständige Frage nach der Wahl des richtigen Essens mit sich bringt, und selbst Betroffene, verdecken auch gut für sich selbst ihr Dilemma und können es auch gar nicht erkennen.

Hilfe bei vegan-getarnten Essstörungen
Solange vegane Ernährung nicht zum überbordenden Zwang wird, solange sie nicht orthorektische Züge zeigt (Orthorexia nervosa= krankhaft gesund essen wollen siehe auch hier), solange vegane Ernährung eine freie Entscheidung bleibt, die gut in den Alltag des Menschen integrierbar ist, ohne sich ständig mit „Was soll, kann, darf ich heute essen?“ zu beschäftigen, solange ist sie eine Alternative Ernährungsform, wie viele andere. Kanalisiert sich dahinter jedoch eine Form der Essstörung, sollte professionelle Hilfe in Spezialeinrichtungen in Anspruch genommen werden.